Meinung | Kolumnen | über LEBEN
30.12.2017

Die Notnummer, momentan!

Und beim Hoarschneider woarst mir ja a ned.

Es mechat a recht a gmiadlicher Abend werden!

Guido Tartarotti | über Silvesterrituale und aussterbende Sprache.

Das Leben ist Ritual. Ich schau mir jedes Jahr zu Silvester „Ein echter Wiener geht nicht unter“ an, wobei ich immer nur auf einen Satz warte. Darauf, dass Carlo Böhm in der Rolle des Herr Gebauer, dem der Mundl eine Rakete in die Wohnung schießt, seine Frau anbrüllt: „Sofort gehst zum Telefon und rufst die Notnummer! Momentan!“ Das ist wie eine Zeitreise in eine sehr merkwürdige Ära, als Männer niedere Tätigkeiten wie Telefonieren an ihre Frauen delegierten, als man tatsächlich Wörter wie „Notnummer“ verwendete und als man statt sofort noch „momentan“ sagte. Um „momentan“ ist es schade, um das andere weniger. Niemand sagt mehr „momentan“, so wie niemand mehr „na mir scheint“ sagt oder „Rock“ statt Sakko und niemand mehr Egon, Ignaz oder Innozenzia heißt.

Meine Freundin liebt ebenfalls den Silvester-Mundl, ihre Lieblingsszene ist, wenn Mundl betrunken vom Friseur nach Hause kommt und Frau Sackbauer sagt: „Ang’soffen is er – und beim Hoarschneider woarst mir ja ah ned!“ Auch das ist ein wunderschöner Satz, bildet er doch eine großartige Eigentümlichkeit der österreichischen Sprache ab: Das, was andere tun oder erleiden, tun oder erleiden sie nicht einfach, sondern tun und erleiden es UNS, quasi zufleiß. „Sie ist mir gestorben“ heißt: Sie hat es hinter sich, mir bleiben jetzt die Scherereien. „Er ist mir krank geworden“ bedeutet: Jetzt liegt er den ganzen Tag gemütlich im Bett und ich muss den Kerl bedienen. „Du warst mir nicht beim Friseur“ drückt aus: Mein Wohlbefinden hängt von deiner Kopfbehaarung ab, insofern hast du Macht über mich, dadurch bekomme aber ich wiederum Macht über dich, denn ich kann mit dir schimpfen.

Noch ein schöner Satz aus dem Mundl: „Waaßt Irmi, so gut verstehen wir uns auch wieder nicht mit deine Eltern, dass des a recht a gmiatlicher Abend werden mechat.“

Ich wünsche Ihnen, dass Ihr Silvesterabend a recht a gmiatlicher solcher werden mechat. Falls nicht: Notnummer rufen, momentan!

Guido Tartarottis Kabarettprogramm "Selbstbetrug für Fortgeschrittene" ist am 9. Jänner 2018 im Orpheum Wien zu sehen, am 13. Jänner in der Kulturwerkstatt Kottingbrunn, am 31. Jänner im Theater am Alsergrund und am 21. Februar im Kabarett Niedermair.