Die geteilte Urgroßmutter

"Tut’s nicht immer Häuser kaufen, wir haben kein Geld!"

Unlängst habe ich an dieser Stelle von meinen Urgroßmüttern erzählt. Urgroßmütter stehen ja grundsätzlich unter Verdacht, sehr weise zu sein und Dinge von  hohem philosophischen Nährwert zu sagen.

Von meinen vier Urgroßmüttern starben zwei lange vor meiner Geburt und verhielten sich daher schweigsam. Meine dritte Urgroßmutter sprach nur in der dritten Person mit mir, meist begrüßte sie mich mit den Worten „Der Junge wird zu fett“. Meine vierte Urgroßmutter war eine hünenhafte, maskuline Frau, sie öffnete den Mund nur, um zu beten.

Kürzlich hatte ich einen Auftritt in Achau. Also in einem Ort, den ich zuletzt vor ungefähr zehn Jahren betreten hatte, als Zwischenstation auf dem Weg von Wiener Neudorf in die Notaufnahme des Mödlinger Spitals.  Mein Sohn spielte damals  in Achau bei einem Kinderfußballturnier mit, schlug sich dabei ein Loch in den Kopf, sagte aber nichts, weil er  zu stolz war. Dass etwas nicht stimmte, fiel mir erst beim Essen auf, weil ich mich wunderte, dass das Ketchup zu den Pommes aus der Frisur meines Sohnes tropfte.

Diesmal musste niemand genäht werden, im Gegenteil, es wurde ein wirklich außergewöhnlich netter und lustiger Abend (Danke, Achau!). Ich erzählte auch von meinen Urgroßmüttern, und zu meiner Verblüffung sprach mich nachher eine Dame an, die darauf bestand, ebenfalls die hünenhafte Dauerbeterin zur Urgroßmutter zu haben. Sie zeigte mir ein Foto der Urgroßmutter, und tatsächlich, es war dieselbe. Ich habe also in Achau eine Großcousine, von der ich nichts wusste.

Apropos Urgroßmutter: Die liebe Leserin Regine M. schrieb mir über ihre Erinnerungen an ihre Urgroßmutter. Als diese schon sehr alt geworden war, pflegte sie, wenn die Familie miteinander DKT spielte, entsetzt zu rufen: „Tut’s nicht immer Häuser kaufen, wir haben kein Geld!“

 

Guido Tartarottis Kabarettprogramm "Selbstbetrug für Fortgeschrittene" ist am 2. Dezember im Theater am Alsergrund, am 20. November in der Kulisse Wien und am 9. Jänner 2018 im Orpheum Wien zu sehen.

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(KURIER freizeit am Samstag) Erstellt am
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