Der Weihnachtsbär

Kitsch ist nur ein Wort für Gefühle, die man für peinlich hält.

Wenn der gatschige, kalte November langsam und zäh in den kalten, gatschigen Dezember hinüberwabert (den Unterschied kann man an den Christkindlmärkten erkennen, aber nur, wenn der Bodennebel nicht zu dicht ist), dann räume ich unsere „Día de los Muertos/Halloween/Allerheiligen“-Dekoration in den Keller.

Ich schlichte die Skelette und Gespenster und Totenköpfe und den Grabstein ins Regal und hole die Weihnachtskiste heraus. Darin befinden sich diverse ausgesucht aufdringlich leuchtende Lichterketten, die aberwitzige Weihnachtslieder-CD von Bob Dylan und vor allem der Weihnachtsbär.

Ich weiß nicht mehr, wo ich den Weihnachtsbären gefunden habe. Er ist genau genommen ein Eisbär, besteht aus Kunststoff und kann rosa leuchten. Meine Familie ist in ungewöhnlicher Einigkeit der Meinung, dass der Weihnachtsbär eine selbst für meine Verhältnisse erstaunliche Geschmacksverwirrung darstellt, aber das ist mir egal, ich finde den Weihnachtsbären super, und in Wahrheit wären sie alle traurig, gäbe es den Bären nicht.

Die Familie zerstreut sich: Ich habe meine Wohnung, meine Freundin hat ihre, mein Sohn hat gerade seine erste Wohnung bezogen, meine Exfrau zieht um, mein Vater lebt schon lange in Gastein, meine Mutter in Wien. Meine Tochter ist jetzt 16, wird in einem halben Jahr maturieren und danach eine Weltreise machen. Ich finde das gut, das Leben verändert sich, das ist seine einzige Konstante. Die Veränderung – und der Weihnachtsbär.

Bald ist wieder Weihnachten, der Bär wird rosa leuchten, weil das eben seine Aufgabe ist. (Erinnern Sie sich an den legendären Dialog aus „Rambo 3“? „Das ist blaues Licht.“ – „Was macht es?“ – „Es leuchtet blau.“). Irgendwann wird wieder jemand sagen „Papa, der Bär ist schon sehr kitschig“, und ich werde mir wieder denken: Kitsch ist auch nur ein anderes Wort für Gefühle, von denen man glaubt, sie müssten einem peinlich sein.

Guido Tartarottis Kabarettprogramm "Selbstbetrug für Fortgeschrittene" ist am 2. Dezember im Theater am Alsergrund und am 9. Jänner 2018 im Orpheum Wien zu sehen.

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(KURIER freizeit am Samstag) Erstellt am
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