Meinung | Kolumnen | über LEBEN
24.06.2017

Mama, kann ich ein Narrativ?

Die Wichtschwatz-Scheißmitreis-Fertigteilsprache ist unbesiegbar.

Narrativ, Diskurs, Frame, theatral, Schnittstelle, Momentum und amoploph.

Guido Tartarotti | über die Wichtigtu-Sprache.

Und ich glaube ja, der Mensch hat die Sprache erfunden, um sich besser wichtig machen zu können. Es muss furchtbar gewesen sein, damals, in der Höhle, vor dem Lagerfeuer, alle kauten angewidert auf ihrem Essen herum, und weil es außer „Ugluk“ und „Ah-uh!“ noch keine Wörter gab, konnte der Stammesintellektuelle seiner Unerfreutheit über die Qualität der Nahrung nicht durch den Satz „Das Narrativ dieser Mammut-Spareribs marginalisiert die Dramaturgie meines ohnehin stark reduzierten Gebisses“ Ausdruck verleihen.

Da haben es die Wichtigtuer der heutigen Zeit leichter, denn irgendwer hat eines Tages das Wort „Narrativ“ entdeckt, vielleicht lauerte es ihm vor seinem Haus auf und biss ihn hinterrücks ins Gesäß, jedenfalls ist es jetzt in der Welt und geht nicht mehr weg. Und deshalb kann jetzt jeder, der zu ungeschickt oder zu intellektuell ist, sich normal auszudrücken, bei jeder Gelegenheit „Narrativ“ sagen, obwohl „Geschichte“, „Handlung“ oder „Thema“ meist genauso gereicht hätte. Es wird vermutlich nicht mehr lange dauern und geschmeidige Charmeure werden Damen mit dem Satz „Wollen Sie noch auf ein Narrativ mit raufkommen“ in ihre Wohnungen locken, Kinder werden ihren Müttern mit der Frage „Mamaaaa, kann ich ein Narrativ?“ die Nerven ansägen, und Nachrichtensprecher werden ihr Publikum mit Sätzen wie „An dieser Stelle müssen wir uns von den Zuschauern, die unser Narrativ via 3sat verfolgt haben, verabschieden“ ins Bett schicken.

Angenommen, wir wachen eines Tages auf und „Narrativ“ ist wieder weg – wie könnten wir weiterleben? Wir müssten uns ausdrücken, wie ganz normale Menschen – eine grässliche Vorstellung! Keine Angst, diese Gefahr droht nicht. Das Narrativ von „Narrativ“ wird immer weiter gehen. Abgesehen davon haben wir ja noch Begriffe wie „Diskurs“, „Frame“, „theatral“, „ Schnittstelle“, „Momentum“, „amoploph“ oder „dramaturgisch“. Die Wichtschwatz-Scheißmitreis-Fertigteilsprache ist unbesiegbar.