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10.12.2017

Eine Never ending Story statt einem Happy End

Auch ihr Bruder, der ehemalige Abfahrer Uli Spieß, erfuhr von den Missbrauchsvorwürfen erst aus den Medien.

Wolfgang Winheim | über Nicola Werdenigg

Unbeachtet von der Öffentlichkeit hat vor zehn Tagen der erste österreichische Rennläufer mit Migrationshintergrund bei der Generalprobe für den europäischen Weltcup-Auftakt der Abfahrer überrascht: Slaven Dujakovic gewann zwei Europacup-Super-Gs in Gröden. Dort, wo mit ungleich mehr Trara in der bevorstehenden Woche "50 Jahre Weltcup" gefeiert werden wird. Skipionier Uli Spieß, 62, ist Ehrengast beim Südtiroler Jubiläum.

Dazu muss man wissen: Nicht Gröden-Rekordsieger Franz Klammer, sondern Spieß hatte im Dezember 1980 als Erster das Überspringen der berüchtigten Kamelbuckel riskiert. Trotz aller Warnungen der Trainer. Die empfanden ihn – allein schon weil er Maturant mit Vorzug war – abwechselnd als unbequem oberg’scheit oder suspekt. Inzwischen überfliegen längst alle Starter die fürs TV spektakulärer und für die Abfahrer zugleich ungefährlicher gemachte Passage auf der Grödener Saslong-Piste. Spieß wird man im Grödnertal nicht nur fragen, wie das damals war, als er auf Baumwipfel-Höhe über die Buckel schwebte. Er muss vielmehr damit rechnen, selbst noch im Jänner auch von seinen bei ihm urlaubenden Kickerfreunden auf ein Thema angesprochen zu werden, das sogar über das Sensationscomeback von Marcel Hirscher dominiert.

Denn Uli Spieß, dessen Zillertaler Skispuren angefangen von Herbert Prohaska über Toni Polster, Toni Pfeffer, Walter Kogler bis zu Ralph Hasenhüttl ein ganzes Fußball-Nationalteam seit 1984 mit sehr unterschiedlichem Fahrstil (Admiras nunmehriger Trainer Ernst Baumeister ähnelte eher dem 13er-Autobus) folgte, ist der Bruder von Nicola Werdenigg. Uli hatte sich in den rauen Siebzigerjahren rührend um Nicola gekümmert. Er nutzte, wenn ihn der gnadenlose Chefcoach Karl Kahr aus dem Team gestellt hatte, die unfreiwilligen Rennpausen, um die sensible, skitechnisch hochbegabte Gymnastin zum Weltcup zu begleiten. Er rutschte, wertvolle Tipps gebend, mit ihr gemeinsam Abfahrtspisten ab.

Bestätigt Uli galt als erste Ansprechstation seiner jüngeren Schwester. Von deren Missbrauchsvorwürfen hat aber auch er erst jetzt durch die Medien erfahren.Nicola Werdenigg bestätigt: Ja, sie habe 1975 einzig ihrer Mutter Rikki Spieß-Mahringer von der Vergewaltigung erzählt. Zumal ihr die sechsfache Olympia- bzw. WM-Medaillengewinnerin und heute sechsfache Omi von ähnlich grausamen Erfahrungen aus der Nachkriegszeit berichtet hatte.

Während die in Wien lebende einstige Olympia-Vierte Nicola Werdenigg von Mikrofon zu Mikrofon herumgereicht wird, besucht Bruder Uli in Mayrhofen täglich die 93 Jahre alte Mutter, die sie seinerzeit auch als Pionierin galt. Die gebürtige Linzerin hatte mit ihrem Mann, dem späteren ÖSV-Sportwart Ernst Spieß, die weltweit erste Kinderskischule im Zillertal gegründet. Uli Spieß bewunderte seine Eltern. Aktuell beeindruckt ihn der Mut seiner Schwester. Auch wenn ihn irritiert, dass durch neue, in Nicola Werdeniggs Sog (mehrheitlich anonym erhobenen) Anschuldigungen, die sich auf die jüngere Vergangenheit beziehen, der ganze Skirennlauf samt dem ÖSV unter Generalverdacht gerät. Doch Uli Spieß weiß: Zu aufklärungsbedürftig ist die beklemmende Situation, zu unrealistisch die Hoffnung auf ein "Happy End".

So heißt an der Talstation der Mayrhofener Penkenbahn übrigens Ulis Lokal, in dem ORF-Fußballanalytiker Prohaska, Innsbruck-Trainer Karl Daxbacher und Austria-Sportdirektor Franz Wohlfahrt alle Winter wieder ihre Skitage ausklingen lassen.