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20.08.2017

Jeder gegen jeden

Die Rapid-Verantwortlichen können dieses schriftliche Bekenntnis zur Anarchie nicht abstreiten.

Wolfgang Winheim | über das Ultra-Plakat "Wir gegen alles und jeden"

Nach nur 52 Spielminuten der neuen Bundesliga-Saison erfolgte eine fußballhistorische deutsche Premiere: Aus 575 Kilometern Entfernung (= aus einem Kölner Techniker-Studio) wurde Referee Tobias Stieler angehalten, in München einen Foulelfer zu Gunsten des FC Bayern im Eröffnungsspiel gegen Leverkusen zu geben. Noch kann in Österreich nicht Ähnliches passieren. Noch wird in Altach oder Salzburg kein Tor aberkannt, weil ein Oberexperte in einem Wiener Fernsehkammerl eine Abseitsstellung am Bildschirm dank Zeitlupe festgestellt hat.

Aber der Videobeweis nach deutschem Vorbild wird irgendwann eingeführt werden. So wie so ziemlich alles aus dem weltmeisterlichen Nachbarland zu kopieren versucht wird. Wobei es gelegentlich (die 177.000 in Österreich lebenden deutschen Staatsbürger à la Rapid-Ehrenkapitän Steffen Hofmann mögen verzeihen) ganz gut sein kann, wenn nicht alles sofort mit deutsch-üblicher Dynamik über die Grenzen rüberschwappt.

Neuer Verdacht

Deutsche Behörden und Medien verfügen über Informationen, wonach die Hardcore-Szene im Fußball bis hin zu den Ultras von Kriminellen unterwandert und sogar im Drogengeschäft involviert ist.

Für die neue Fußball-Saison werden in Deutschland die bislang ärgsten Ausschreitungen befürchtet. Einen bitter-heißen Vorgeschmack darauf brachte schon das Cupspiel Rostock Hertha BSC Berlin, als mit dem Feuer spielende Hooligans versuchten, aus dem Ostsee-Stadion eine Baustelle zu machen.

Neue Reaktion

Der am Freitag in München mit obszönen Sprechchören konfrontierte Deutsche Fußball-Bund und dessen Präsident Reinhard Grindel reagieren mit ungewohnter Milde. Sie wollen ab sofort von Kollektivsperren (=geschlossene Sektoren) absehen. Sie wollen nicht mehr zigtausend Fans für eine unbelehrbare Minderheit büßen lassen. Doch handelt es sich wirklich nur noch um eine kleine Gruppe Gewaltbereiter oder nicht längst schon um einen gesellschaftspolitischen Flächenbrand, der sich keineswegs auf Fußball beschränkt?

Neue Studie

Laut einer aktuellen (auf Umfragen auf vier Kontinenten basierenden) wissenschaftlichen Studie der israelischen Psychologin Maya Tamir werden Hass und Feindseligkeit unter gewissen Umständen zu ebensolchen Glücksgefühlmotoren wie Liebe, Leidenschaft und Begeisterung. Angeblich sogar bei bis zu zehn Prozent der Menschheit. Zu denen zählen offensichtlich neben einigen Unbelehrbaren im violetten Wien-Favoriten, in Graz, Linz, Ried und Innsbruck vor allem jene Rapid-„Fans“, die immer wieder ungeniert Transparente wie „Tod und Hass dem FAK“ plus eines mit der Aufschrift „Wir gegen alles und jeden“ spannen dürfen.

Die Rapid-Verantwortlichen können, zumal TV-Beweise existieren, dieses schriftliche Bekenntnis zur Anarchie nicht abstreiten. Aber die Grün-Weißen könnten bei ihren angeblich erfolgreichen Versöhnungsgesprächen ihre schwarzen Schafe zum Nachdenken anregen mit der Frage, wie denn Rettung, Krankenschwestern und Ärzte nach Hooligan-Raufereien reagieren mögen.

Dann nämlich sind blutende Hohlköpfe meist ganz froh, wenn ihr Motto „Jeder gegen jeden“ nicht für jeden gilt.