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30.04.2017

Verspätete Aprilscherze

Hierzulande dominieren (zu oft missbrauchte) Toleranz und Angst.

Wolfgang Winheim | über einen verrückten April

Am 1. April wäre manches, was im Fußball in den folgenden Wochen passierte, noch für einen Scherz gehalten worden.

Sensation des Monats

Salzburg Sieger der U-19-Champions-League. Errungen mit Ausnahmetalenten, die sich erzieherischen Bedenken zum Trotz namentliche Erwähnung verdienen. Der Sambier Patson Daka, der schon am Tag nach seinem Finaltor gegen Benfica in der Bundesliga II für Liefering traf und vorsorglich mit einem Fünfjahresvertrag an Red Bull gebunden wurde, ist – als in Afrika zum Rookie of the Year Gewählter – Lob gewohnt. Und vom kaum 18-jährigen Juristen-Sohn Hannes Wolf darf erst recht angenommen werden, dass er nicht abhebt. Umso mehr, da sein Vater, angesehener Richter in Graz, sicher weiß, welche Fallen und Versuchungen auf dem Weg nach oben lauern. Er hat einen Prozess gegen Ex-Sturm-Präsident Hannes Kartnig geleitet.

Aufsteiger des Monats

Nach dem unglücklichen Cup-Out des künftigen Oberhausklubs LASK gebührt LASK-Torjäger René Gartler, 31, ein Fairnesspokal. Beim Viertelfinale in Grödig sprang er für kräftemäßig überforderte Sanitäterinnen ein, indem er einen verletzten Gegner vom Feld trug. Im Halbfinale gegen Rapid verzichtete Gartler nach seinem Tor auf Jubelgesten, zumal er seine Karriere bei Rapid begonnen hatte und die grün-weißen Fans nicht provozieren wollte. Vor der Partie hatte Gartler noch angekündigt: "Wir kommen nicht nach Hütteldorf, um uns das neue Stadion anzuschauen." Das wird er ohnehin von Plänen bestens gekannt haben – Vater Harry Gartler war von Rapid-Seite für den Bauverlauf verantwortlich.

Vorwurf des Monats

Rapid werde von den Ultras diktiert. Dass Ex-Sportdirektor Andreas Müller ("Präsident Krammer und Peschek liegen mit den Ultras im Bett") anprangert, was skeptische Reporter und verunsicherte Spieler höchstens zu denken wagen, war kein Zufall. 1. sprach aus Müller der Frust des Abservierten. 2.weilt er nur noch selten in Wien, weshalb er keine Lynchjustiz befürchten muss, wie sie dem in Rapid-Nähe wohnenden Liga-Chef Christian Ebenbauer angedroht wurde. 3. kommt Müller aus dem großen Nachbarland, wo ein härterer Kurs gegen Ultras gefahren wird.

Hierzulande dominieren (zu oft missbrauchte) Toleranz und Angst; Angst, dass die Spiele ohne Fan-Choreografien und -Gesänge zum Stummfilm werden; und Angst vor einer gewaltbereiten Minderheit. So eine lässt sich am 1. Mai beim Derby of Love alias Sportklub – Vienna nicht blicken. Anders als in Bundesliga-Fanblocks wird auf der baufälligen Friedhofstribüne in Hernals auch dem Gegner applaudiert.

5000 Besucher werden erwartet zum Ostliga-Kick. Obwohl der Sportklub nur Elfter ist. Und die insolvente Vienna, von der 112 Gläubiger Geld wollen, selbst als Meister absteigen muss. Auch das ist kein Scherz.