über Blutkontrollen im Sport
08/18/2013

Bälle und Pillen – worüber selten wer spricht

von Wolfgang Winheim

In Sachen Doping galten Fußballer über Jahrzehnte als Amateure

Wolfgang Winheim | über Blutkontrollen im Sport

Fast 50 Prozent der Deutschen erwarten, dass der Meister der 50. Bundesliga-Saison (= FC Bayern) seinen Titel erfolgreich verteidigen wird. Aber: Mehr als 50 Prozent glauben, dass in der Bundesliga gedopt wird.

Beeinflusst wurde die N24-Umfrage zweifellos durch die Veröffentlichung eines 117-seitigen Abschlussberichts der Berliner Humboldt-Universität. Aus diesem geht – salopp zusammengefasst – hervor, dass die westdeutschen Saubermänner, die im letzten Jahrhundert mit erhobenem Zeigefinger auf die Pharma-Athleten der DDR zeigten, lieber vor ihren eigenen Labor-Türen hätten kehren sollen.

Von staatlich geduldetem, mit Steuergeld finanziertem Doping ist zu lesen. Und davon, dass bei der deutschen Nationalelf schon während der Fußball-WM 66 mit Ephedrin experimentiert worden sei. Franz Beckenbauer und Uwe Seeler runzeln ob dieses Vorwurfs nur erstaunt ihre hohe Stirn.

Österreichs Kicker hatten noch in den ersten 70er-Jahren (als Herbert Prohaska und Hans Krankl Anabolika eher für einen Modedrink hielten) einen so naiven Zugang zu Doping, dass der damalige Teamchef Leopold Stastny den damaligen Teamarzt Alfred Stiskal aufforderte, sich etwas einfallen zu lassen. Stiskal lehnte – im Gegensatz zu seinem ebenfalls bereits verstorbenen Nachfolger – ab und trat zurück.

Drei Wochen danach rannten und kämpften die Österreicher im Entscheidungsspiel der WM-Qualifikation gegen Schweden auf neutralem Boden in Gelsenkirchen, als hätten sie rohes Fleisch gefressen. In Wahrheit war’s ... Captagon.

Der (Auf-)Putschversuch wurde im Herbst 1973 mit einem unglücklichen 1:2 und schlaflosen Nächten für die entnervten Verlierer bestraft.

Ein zweites internationales Match, zu dem Österreicher gedopt angetreten waren, bescherte Wacker Innsbruck hingegen im November 1977 einen sensationellen 3:0-Europacup-Triumph über Celtic Glasgow.

Dass sie nicht nur Müsli zu sich genommen hatten, verrieten Tiroler Spieler nach Karriereende beim Grappa während eines winterlichen Skiweltcup-Abends im Grödnertal.

Schnee von vorvorgestern.

Inzwischen hat Doping mit ungleich professionelleren Methoden Radsport und Leichtathletik Sponsoren und Glaubwürdigkeit gekostet.

Inzwischen ist der einstige DDR-Sportmediziner Bernd Pansold, der fast 90 Athleten zu Olympiasiegern formte und in Deutschland Berufsverbot hat, oberster Leistungsdiagnostiker des Red-Bull-Sportimperiums, dem u. a. Lindsey Vonn, Sebastian Vettel, Felix Baumgartner plus Salzburgs Fußball- und Eishockeyspieler angehören.

Und inzwischen sind österreichische Kicker x-mal kontrolliert und ... nie als Sünder ertappt worden.

In der bevorstehenden Europacup-Woche müssen Austrianer, Rapidler, Salzburger und Paschinger erstmals mit Blut- anstelle von Harnkontrollen rechnen. Dafür gibt’s allerdings auch einen logistischen Grund.

Oft konnten Chartermaschinen erst mit stundenlanger Verspätung zum nächtlichen Heimflug abheben. Oft warteten Crew und Passagiere auf einen einzigen, zum Wasserlassen befohlenen Spieler. Zumal nicht jeder kann, der muss.

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