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21.01.2018

Wenn Unmögliches möglich wird

Sportexperten nördlich des Weißwurst-Äquators werden einen Salto rückwärts schlagen.

Wolfgang Winheim | über den Kitzbühel-Sieger Thomas Dreßen

Wer hätte das gedacht? Erstmals seit 1979, seit Sepp Ferstl, gewann ein Deutscher die Kitzbüheler Abfahrt.

Als alle schon mit einem neuerlichen Erfolg von Lauberhorn-Triumphator Beat Feuz gerechnet hatten, den Hansi Hinterseer gegenüber dem Schweizer Blick den "letzten Naturskifahrer" genannt hatte, unterbot Thomas Dreßen die Bestzeit des Schweizers.

Noch vor drei Jahren hatte man beim deutschen Skiverband ernsthaft überlegt, sich im Herren-Weltcup völlig vom Abfahrtssport zurückzuziehen; hatten deutsche Zeitungen ein Verbot der alpinen Tempobolzerei gefordert; hatte der Spiegel – auf die Gefährlichkeit der Streif anspielend – dem österreichischen (für den Speedbereich zuständigen) Weltcupdirektor und Ex-Weltmeister Hannes Trinkl Fahrlässigkeit unterstellt.

Gestern durfte der vermeintliche Schinderhannes aufatmen. Vor allem als Matthias Mayer mit einem Kraftakt einen Sturz auf der Traverse vermied. Was nicht allen gelang. Immerhin gab es trotz vieler Purzelbäume wenig Blessuren.

Glücksfall

Sportexperten nördlich des Weißwurst-Äquators werden einen Salto rückwärts der medialen Art schlagen und ... statt Ski-Kurzberichte auf die lange Verletztenliste zu beschränken, Dreßen überschwänglich feiern. Auch aus rot-weiß-roter Sicht ist Dreßen, 24, ein Glücksfall. Nicht nur für dessen österreichischen Trainer Mathias Berthold und Christian Schwaiger, sondern für den Tourismus.

Dreßen wirbt auf seinem Sturzhelm für Sölden. Für jenen Ort, in dem der Vater des Streif-Siegers 2018 im Winter 2005 Todesopfer eines Seilbahnunglücks geworden war.

Es werden nicht allein beklemmend sentimentale Gründe gewesen sein, die die Ötztaler bewogen, Dreßen zu sponsern. Sein Talent hatte sich abgezeichnet. Er wurde schon in Beaver Creek Dritter.

Dreßen ist kein Zufallssieger. Auch wenn für ihn auf der Streif mit Nummer 19 zum richtigen Zeitpunkt die Sonne schien. Fair gesteht er, dass er sich beim Hannes Reichelt zu bedanken habe, zumal der sich die Startnummer 1 ausgesucht hatte, "die eigentlich ich wählen wollte".

Reichelt, 37, schaffte es trotz ungünstiger Sicht noch aufs Podium.

Dass ein Rennfahrer, der um sechs Jahre älter ist als der aktuelle österreichische Bundeskanzler, einmal bester Österreicher auf der Streif sein werde – auch das hätte noch vor drei Jahren nie wer gedacht.