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04.02.2018

Vom Niemandsland bis Seisenbacher

Der Ruder-Zweier Hermann Bauer/Karl Sinzinger versank, gerammt vom US-Boot, im Wasser.

Wolfgang Winheim | über Olympia-Erinnerungen

15 Medaillen! Ski-Boss Peter Schröcksnadel erwartet bei den zweiten Olympischen Spielen auf südkoreanischem Boden 15-mal mehr Edelmetall als bei den ersten. Letztere fanden im Sommer statt. Weshalb die Präsidenten-Prognose auch nicht maßlos kühn, sondern realistisch ist.

Als die (Spät-)Sommerspiele am 17. September 1988 mit einer bombastischen Zeremonie in Seoul begannen, wollte ein Olympia-Team des KURIER (bestehend aus Foto-Professor Kristian Bissuti und dem Autor) erkunden, wie man am (politisch) kältesten Punkt der Erde, am 38. Breitengrad in Panmunjeom, den Eröffnungstag erleben (bzw. ignorieren) würde. Zum Glück hatten wir ein Merkblatt des US-Militärs gelesen. Darin hieß es, dass ein Besuch im Niemandsland nur in Hemd mit Kragen, langer Hose und Straßenschuhen erlaubt sei. Ein italienischer Kollege wurde aus dem Bus geworfen, weil er in Anbetracht der Hitze in T-Shirt, Shorts und Laufschuhen erschienen war.

Vor der Ankunft in Panmunjeom erfolgte für uns eine Verhaltensbelehrung in einem Brüllton, wie ich ihn selbst als Grundwehrdiener nie erlebt hatte. Der Uniformierte mit den Sternen dürfte lagerintern ein Star gewesen sein, denn als ihn ein US-Soldat sah, der gerade einen Lkw mit einem Schlauch reinigte, spritzte er sich beim Salutieren aus lauter Ehrfurcht das Wasser ins eigene Gesicht. Lachen verboten. Obwohl das beklemmende Front-Ambiente auch später nicht nur zum Nachdenken veranlasste.

Stiernackige US-Hünen pritschelten im bloß hüfthoch gefüllten Becken mit Schwimmreifen, weil eine Warntafel signalisierte, dass das Benützen des Pools ohne life vest Lebensgefahr bedeute. Die bestand wenige Meter hinterm Stacheldraht, wo der Minengürtel begann und Soldaten auch nach Ende des Koreakrieges (1953) in die Sprengfalle geraten waren. Jeder Uniformknopf der dort Gefallenen wurde in Glasvitrinen ausgestellt. Neben dem zu einem US-Opfermuseum umfunktionierten Container stand (oder steht?) jene Baracke, in der seit 1954 einmal im Jahr zwischen Süd- und Nordkorea unter US-Vorsitz erfolglos verhandelt wird. Ein quer über den Tisch gezogenes Mikrofonkabel symbolisiert die Front. Wir durften den zwei mal fünf Meter großen Tisch einmal umrunden und somit für ein paar Sekunden nordkoreanischen Boden betreten.

Danach wurden wir auf einen Hügel mit Blick auf ein potemkinsches nordkoreanisches Dorf geführt, worauf von drüben her Marschmusik plus die Aufforderung "Kommt zu uns. Verjagt die Yankees. Wir sind Eure Freunde" ertönte.

Weil wir dem tödlichen Rat nicht folgten, konnten wir, ins 58 Kilometer entfernte Seoul zurückgekehrt, auch eine Serie sportlicher Grotesken erleben. Mit Hauptdarstellern from Austria.

Hoppalas

Schwergewichtsboxer Biko Botowamungo ging schwer k. o., Horst Skoff sorgte für Unterhaltung, als er gegen seinen Bezwinger Stefan Edberg einen Tennisball im Kickerstil per Kopf retournierte. Ringer Franz Pitschmann musste im Viertelfinale mit fremder Ausrüstung antreten. Schwimmer gingen nach Fehlstarts baden.

Österreich-Rundfahrt-Sieger Didi Hauer fiel beim 100-Kilometer-Mannschaftsbewerb erschöpft in den Straßengraben. Der Ruder-Zweier Hermann Bauer/ Karl Sinzinger versank, gerammt vom US-Boot, im Wasser. Nur ein Judoka brachte eine Medaille ins Trockene. Es war die einzige für Österreich und noch dazu eine aus Gold. Erkämpft wie schon vier Jahre zuvor in L.A. von Peter Seisenbacher. Von jenem Wiener, den wir als höflichen, kooperativen Olympioniken schätzen gelernt hatten. Der sich aber mittlerweile, belastet durch sexuelle Missbrauchswürfe, schon seit 14 Monaten der österreichischen Justiz entzieht.

Seisenbacher, 57, hält sich nach wie vor in der Ukraine auf.