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16.02.2018

Mit der Wirklichkeit per Sie

Riesenjubel - eine Reaktion, die Moralkeulenschwinger schon zu Maiers Zeiten als suspekt bis verdächtig nationalistisch empfanden.

Wolfgang Winheim | über die olympischen Alltags-Probleme

Am Tag der Olympia-Eröffnung war der Süddeutschen Zeitung, nachahmenswert peniblen Investigativ-Journalimus demonstrierend, das Aufdecken von Missbräuchen im österreichischen Skiverband drei ganze großformatige Seiten wert, obwohl die Vorfälle fast 50 Jahre zurückliegen und der als Hauptsünder angeprangerte ehemalige ÖSV-Damencheftrainer Karl K., 85, in Bayern kaum noch wem ein Begriff ist.

Als Marcel Hirscher zum Olympia-Auftakt Kombi-Gold gewann, wurde die Leistung vom selben hoch angesehenen deutschen Medium gewürdigt, allerdings in einem viel geringeren Umfang. Und sollte Hirscher am Sonntag zum zweiten Mal Gold einfahren, wird das kaum anders, sondern für ausländische Berichterstatter schon langweilig sein.


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In Österreich bräche – nicht nur bei den ÖSV-Haus- und Hofpostillen – im Fall eines erfolgreichen Riesenslaloms Riesenjubel aus. Eine Reaktion, die Moralkeulenschwinger schon in der Ära von Hermann Maier als suspekt bis verdächtig nationalistisch empfanden. Immerhin kann solchen aktuell entgegen gehalten werden, dass der Sohn einer Niederländerin (Hirscher) die alpine Allrounderprüfung 2018 als Weltbester und der Sohn einer Belgierin (Vincent Kriechmayr) die Olympia-Abfahrt als bestplatzierter Österreicher (=Platz sieben) beendet hat.

Der König der Königsdisziplin aber heißt Aksel Lund Svindal. Dass sich der Norweger mit der Abfahrts-Goldenen gekrönt hat, ist kein Zufall, sondern der hochverdiente Lohn für akribischen Fleiß und athletisches Fahrkönnen nach verletzungsbedingten schweren Rückschlägen. Das kann vor allem in Zeiten, in denen heimische Sportjournalisten aufgefordert werden, die rot-weiß-rote Brille abzulegen und ihnen ein Nahverhältnis zu Sportlern vorgeworfen wird, nicht deutlich genug festgestellt werden.

ORF-Bosse vom sportfernen Küniglberg versuchen schon seit der Jahrtausendwende, den Ruf der „Verhaberung“ zu entkräften mit einem Erlass, in dem sie ihren Sportreportern untersagen, Sportler zu duzen, obwohl das im Skizirkus grenzüberschreitend üblich war und ist. Und so passiert es, dass Rainer Pariasek vor der Kamera Marcel Hirscher, Felix Neureuther oder Anna Veith folgsam per Sie anredet und die ihn bei ihren Antworten duzen.

Die Reporter-Legende Heinz Prüller, die speziell in der Formel 1 oft mehr Interna wusste als die Betroffenen selbst, versuchte Hoppalas und den ORF-Sie-Zwang zu Umgehen mit dem Trick: „Und was sagt Niki Lauda dazu?“

Ein eitler Bank-Generaldirektor, der ohnehin Reporter weitgehend mied und der den Gründer der Skifabrik Atomic einst zur Verzweiflung trieb, beschränkte die Kommunikation mit Sportlern auf mäßig sympathische eigene Art. Er gestattete nur das Tages-Du, das bedeutete: Golfpartner und Caddies mussten nach dem 18. Loch mit dem autoritären Helmut E. wieder per Sie sein.

Ob man sich auch im Häf’n an die Benimm-Dich-Regel des später dort gelandeten Bankers hielt, ist nicht bekannt.