über die Nervenkrankheit ALS
07/03/2013

Fußball-Italien trauert und rätselt

von Wolfgang Winheim

Mussten Profis zugrundegehen, weil Pestizide auf Spielfeldern benutzt wurden?

Wolfgang Winheim | über die Nervenkrankheit ALS

Nach Italiens 2:1 gegen Japan beim WM-Test in Brasilien freute sich der Spielmacher, Freistoßtorschütze und Jubilar Andrea Pirlo (100. Länderspiel) über ein eMail von Stefano Borgonovo. 13 Tage später wurde Gratulant Borgonovo, dessen Schicksal Italien mehr bewegte als der ganze Confed-Cup, in Mailand zu Grabe getragen.

Ein blendend aussehender Klassestürmer, der u. a. 1989 zu Italiens 1:0-Sieg in Wien über Herzog, Prohaska, Polster und Co. beigetragen hatte, war Borgonovo gewesen. Den Charity Award erhielt Borgonovo freilich aus tragischem Grund: Er investierte all sein Geld in eine medizinische Forschung, die ihm nicht helfen konnte.

Stefano Borgonovo (im Bild rechts mit Paolo Maldini), der nur 49 Jahre alt werden sollte, litt an ALS. An einer qualvollen Nervenkrankheit, die vor acht Jahren beim vierfachen Familienvater festgestellt wurde und die in grausamen Etappen den ganzen Körper lähmte.

Zuerst versagten seine Beine. Dann die Arme. Dann die Stimme. Trotzdem verfasste Borgonovo von einem Spezialbett aus das von seinem Wiener Freund Bernd Fisa mit FIFA-Unterstützung übersetzte, ergreifende Buch „Geborener Stürmer“. Trotzdem konnten der nunmehrige Bayern-Trainer Josep Guardiola und der neue Real-Trainer Carlo Ancelotti regelmäßig mit Borgonovo elektronisch kommunizieren.

Allein mit dem Fokussieren der Pupillen auf einen Spezialcomputer hielt Borgonovo Kontakt zur Außenwelt. Guardiola und Ancelotti faszinierte nicht nur Borgonovos Fußball-Verstand, sondern mehr noch das positive Denken, das den zu völliger Bewegungslosigkeit Verurteilten auszeichnete.

ALS gilt als unheilbar. Die Tatsache, dass in Italien daran auffallend viele Fußballer auffallend jung sterben, löst Spekulationen aus:

Mussten Profis qualvoll zugrundegehen, weil Pestizide zur Behandlung italienischer Spielfelder benutzt wurden? Oder war ab den 60er-Jahren mit untauglichen Doping-Mitteln fahrlässig auf Spielerkosten experimentiert worden?

In der langen, von der Gazzetta dello Sport veröffentlichten ALS-Opfer-Liste scheint mit Ernst Ocwirk auch Österreichs einstiger Weltauswahl-Kapitän auf. Ocwirk hatte in Genua, wo er ab 1956 neun Jahre Spieler und danach Trainer gewesen war, bei Sampdoria Legendenstatus erlangt, ehe er zur Wiener Austria zurückkehrte.

Als er später die Admira coachte, begann der Leidensweg. Ocwirk konnte plötzlich die Beine nicht bewegen. Auf Anraten Schweizer Ärzte ließ er sich alle Zähne reißen. Die prophezeite Besserung blieb aus.

Ocwirk wurde nur 53 Jahre alt, obwohl er asketisch lebte. Er hatte nicht getrunken. Nie geraucht. So wie Borgonovo.

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