Weil es noch nicht gut ist

Vor einiger Zeit während eines Interviews: Vollkommen unvermittelt – wir sprachen gerade über seine aktuellen Projekte – meinte mein Gesprächspartner, ein Mann mittleren Alters: "Na, Sie sind sicherlich noch Single." Er fuhr fort, dass er schöne Kinder machen könnte und wenn ich wollte, könnte er mir auch eins machen. Bei der Verabschiedung küsste er mir die Hand und wiederholte sein Angebot.

Unlängst Tag erzählte Freundin R. beim Abendessen von ihrer Fast-Beförderung. Ihre Kollegin, die bald in Pension gehen würde, hatte sie als Nachbesetzung vorgeschlagen. Doch als die Chefin von der Idee erfuhr, meinte sie zu der Bald-Pensionierten nur: "Aber geh, der R. können wir die Stelle nicht geben. Die heiratet doch heuer. Das heißt, sie wird jetzt sicher gleich schwanger."

Freundin M. fühlt sich indes in ihrem Beruf immer unsicherer. Sie arbeitet an der Universität und hat sich im Laufe der Jahre reichlich Expertise auf ihrem Gebiet erarbeitet. Dennoch traut sie sich bei den Diskussionsrunden am Institut kaum, zu sprechen. Sie hat Angst, etwas Dummes zusagen und schweigt deshalb lieber. Und es gehe nicht nur ihr so. In den Seminarrunden seien fast ausschließlich Männer am Wort. Als sie mit einem von ihnen unlängst über ihre Unsicherheit sprach, meinte er nur: "Ich glaube nicht, dass das auffällt. Du hast ja noch nie etwas gesagt."

Genau deswegen – weil es eben noch nicht gut ist, weil Frauen, die im "richtigen" Alter fürs Kinderkriegen sind, auch im Jahr 2017 an Karriereschritten gehindert werden oder weil Frauen viel zu häufig mit sexistischen Aussagen und Übergriffen konfrontiert werden – braucht es das "Frauenvolksbegehren 2.0". Eine Initiative, die fordert, endlich jene Chancengleichheit für Frauen zu realisieren, die seit dem Frauenvolksbegehren von 1997 auf ihre Umsetzung warten, und dafür nun Unterstützung sucht.

Es ist Zeit, dass wir uns nicht länger in den Hintergrund drängen lassen. In keinem Bereich.

(kurier) Erstellt am
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