Meinung | Kolumnen | Stadtgeflüster
21.08.2017

Smarter Tischpartner

Die Gäste saßen alle gesenkten Köpfen da. Sie aßen und wischten schweigsam an ihren Bildschirmen herum.

Anna-Maria Bauer | über smarte Tischpartner

Klick. Die Kameralinse des iPhones schließt und öffnet sich innerhalb von Sekunden und verewigt das noch unberührte Schweinekotelett mit den frischen Pfirsichen, das der Kellner dem Buben soeben serviert hat. Er sitzt mit seinen Eltern am Tisch eines feinen Restaurants. "Sieht köstlich aus", meint seine Mutter auf Englisch. Sie hat selbst gerade ihre Speise fotografiert, Jakobsmuscheln. Der blonde Bub greift immer noch nicht nach dem Besteck, sondern dreht die Frontkamera auf. "Komm, Mommy, Selfie", sagt er. Die Frau beugte sich zu ihrem Sohn und lächelt, während er den Arm gerade hoch genug hält um seine Mutter und das Kotelett gut im Bild zu haben. Klick.

Als er endlich Messer und Gabel in die Hand nimmt, ist sein Vater mit dem Steak fast schon fertig. Das Handy bleibt offen am Tisch liegen, sein Auge wandert immer wieder zum Bildschirm.

Ein Gespräch mit einer Freundin fällt mir ein. Vor vielen Jahren, als der Durchschnittseuropäer das Handy noch vorwiegend fürs Telefonieren und SMSen, vielleicht auch schon fürs Musik hören verwendete. Die Freundin, soeben zurück aus Singapur, erzählte von diesem einen Restaurantbesuch, der sich ihr eingeprägt hatte – weil die Gäste mit gesenkten Köpfen dagesessen waren. Den Blick auf ihr Smartphone geheftet. Sie aßen und wischten schweigsam an ihren Bildschirmen herum. Auch wenn sie eigentlich mit Freunden oder Familie da waren. Auch Kinder.

Wahnsinn, dachte ich damals. So etwas würde ich nie machen. Heute bin ich mir da nicht mehr so sicher. Ich krame ja mittlerweile auf fast jeder Rolltreppe nach dem Handy. Und an jeder Supermarktkasse. Auch wenn nur eine Person vor mir steht.

Vielleicht sollte man die Dutzenden Studien, die die negativen Auswirkungen von exzessivem Smartphone-Gebrauch aufzeigen – Fettleibigkeit, Hyperaktivität, Konzentrationsstörungen – ein wenig ernster nehmen.

Damit das Smartphone nicht irgendwann das einzig Intelligente am Restauranttisch ist.