Meinung | Kolumnen | Stadtgeflüster
11.07.2017

Die Fensterbrett-Tauschbörse

Als Stadtkind wird man ja zu einer gewissen Skepsis anderen Menschen gegenüber erzogen.

Anna-Maria Bauer | über Nachbarschaft in Städten

Als Stadtkind wird man ja zu einer gewissen Skepsis anderen Menschen gegenüber erzogen. Das Rad kettet man auch dann an, wenn man nur rasch zum Bäcker geht. Das Auto sperrt man auch dann ab, wenn man gleich wieder runterkommt, um weiteres Gepäck aus dem Kofferraum zu holen. Doch in den jüngsten Tagen habe ich meine Einstellung zu Fremden – zumindest zu meinen Nachbarn – ein wenig revidiert.

Grund dafür ist das Fensterbrett im Erdgeschoß. Das ist in zweiter Funktion nun Standort einer Mini-Tauschbörse. Eine Innovation, die diskussionsfrei – ohne Zettel, ohne Erklärung, ohne Einführung von Nachbarn – und dennoch einwandfrei über die Bühne gegangen ist.

Angefangen hat es mit Büchern. Mit Romanen, Ratgebern, Krimis. Ein bisschen abgegriffen, aber eigentlich noch in sehr gutem Zustand. Zuerst dachte ich, dass sie jemand auf dem Weg zum Mistplatz vergessen hatte. Beim nächsten Mal Vorbeigehen waren sie dann ja auch wieder weg. Aber dann wurde die Produktpalette breiter: Magazine, ungeöffnete Nagellacke, eine frische Packung Wattepads.

Zunächst beobachtete ich das skeptisch. Ich weiß nicht genau, warum. Vielleicht weil ich als Stadtmensch nicht anders kann. Wer sollte denn auch einen neuen Nagellack bekommen und nicht benötigen? Aber dann – gerade an dem Tag, an dem ich den dringend benötigten Umschlag erfolglos in meiner Wohnung gesucht hatte – lag dort eine hellbraune Heftmappe. Und ich nahm es als Zeichen. Seitdem bin ich aktive Beteiligte an der Tauschbörse – und finde es herrlich, dass Dinge, die unnütz in meiner Wohnung herumgelegen sind, eine Verwendung finden. Obwohl ich den Nachbarn genau so selten wie früher über den Weg laufe, fühle ich mich ihnen mehr verbunden. Das Rad werde ich wohl weiterhin auf der Straße anketten, die generelle Skepsis ist dennoch geschrumpft.

(P. S.: Mein Vermieter braucht sich übrigens keine Sorgen zu machen. Die Sachen liegen nur am Fensterbrett und blockieren keine Fluchtwege.)