über künstlich getriebene Geilheit
06/15/2013

Wie bitte, kein Latex?

Nackter, geiler, lauter, tiefer und überhaupt: Wer heutzutage nicht mindestens ein Swingererlebnis und fünf Latex-Outfits im Kasten vorzuweisen hat, gilt als fantasieloser, prüder Fadian, an dem das Sexleben vorbeiplätschert. Irgendwas läuft da leider völlig falsch.

von Gabriele Kuhn

Ein Blow-job alleine tut es längst nicht mehr

Gabriele Kuhn | über künstlich getriebene Geilheit

Irgendwas fehlt. Oder nein, eigentlich ist mir irgendwas zu viel – beim Sex. Was fehlt, ist die Rückeroberung der individuellen Lust. Dessen also, was wir wirklich sind und nicht vorgeben, sein zu müssen. Die sexuelle Eigen-Art. Stattdessen wird gerne megageil und vordergründig inszeniert. Heute hat niemand mehr Sex IM Auto, sondern (mindestens!) MIT einem Auto.

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe nichts gegen eine aus dem Lustzentrum heraus gelebte Erotik, in deren Rahmen herumgespielt werden kann. Aber, warum müssen immer mehr Menschen ihre Geilheit inszenieren und damit so hausieren gehen, als wäre sie ein Steh-Greif-Theater, das maximal schockieren soll? Das Ganze firmiert dann womöglich noch immer unter dem etwas mürbe gewordenen Begriff „sexuelle Befreiung“. Wie ist’s wirklich? In Wirklichkeit bauen wir uns damit das Gefängnis mit den dicksten Begrenzungen – es definiert, was und wie Sex sein muss: Maximal abgefahren, arg, abseitig – alles, nur nicht Missionar. Ein Blow-job alleine tut es längst nicht mehr, hier sind wir beim „Wer kann noch tiefer“-Contest gelandet. Dabei merken die, die da mitspielen, gar nicht mehr, dass sie die Marionetten eines globalen Pornofestivals sind. Da wird Sex gespielt, aber schon lange nicht mehr gespürt. Es geht um Sensationen: Noch tiefer, noch länger, noch lauter – Ficken, Schlagen, Fesseln, auf allen Vieren um Vergebung betteln, bis der Doktor kommt.

Ist das die Freiheit, nach der wir uns irgendwann einmal gesehnt haben?

Eine Freiheit, in deren Rahmen eine Art Industrie Bilder und Regeln vorgibt, wie Sexualität sein muss. Eine Sportart, ein Contest des Feuchtwerdens, der Lautstärke, einer „Ich kann länger, ich bin länger, ich mache alles“-Gier. Ehrlich: Wenn sich jemand heutzutage in einer Runde munterer, fremder Mitmenschen outet, dass er es diese Woche nur einmal geschafft hat, sich in sexuelle Stimmung zu bringen und das nur in der Er-oben/Sie-unten-Stellung, wird er als öd, lange verheiratet, müde, mürbe oder unkreativ abgestempelt. Was? Kein Besuch in einem abgründigen Sex-Loch? Hm, noch nie auf einem Swinger-Schiff unter der Anfeuerung der Crew rudelgebumst? Ohh, noch niemals ein privates „Ich zeig der Welt meine Vagina“-Video gedreht und online gestellt? Huh, noch nie Schläge gekriegt, Schläge gegeben oder um Gnade gewinselt? Hm, kein Latexteil daheim und – pfuh – keine nietenbesetzten High Heels, mit denen man den Partner in den Hintern tritt? So fad.

Ich habe es satt, diese künstlich getriebene Geilheit, die uns glauben macht, das sei die Beischlaf-Norm. Unlängst habe ich im deutschen „ Tagesspiegel“ einen guten Gedanken gelesen: „Sex ist der Glamour abhanden gekommen.“ Richtig – was fehlt, ist sein Geheimnis, eine Erotik der Langsamkeit, eine von „So muss das doch heute sein Bildern“ befreite Lust. Sex ist lapidar und vorhersehbar geworden – er wird in Förmchen gegossen und, – konfektioniert – als lockere, exzessive und authentische Lust verkauft. Höchste Zeit, sich wieder zurückzuholen, was uns gehört: Eine Körperlichkeit, die wir selbst definieren, leben und schaffen. Die uns eigene Form von Lust – wurscht, ob sie für andere fad wirkt.

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