Meinung | Kolumnen | Sex in der freizeit
20.01.2012

sex IN DER FREIZEIT: Lagerkoller

Dass es Menschen an ungewöhnlichen Orten treiben wollen, ist oft reine Imagesache. Wer von sich behaupten kann, er hätte es schon mal auf dem saugefährlichen Wildspitzengrat getrieben und dabei 1.000 Meter in die Tiefe geblickt, hat durchaus was Lässiges, Heldenhaftes.

Teil 2 der beliebten Serie "Sex an ungewöhnlichen Orten." Dazu schreibt ein Herr Werner (42), dessen Name von der Redaktion nicht geändert wurde: "Ich hatte nie Erektionsstörungen. Aber als ich meine Frau einmal aus einer hormonellen Laune heraus in der Küche zu begatten versuchte, ging plötzlich nix mehr. Die brisante Mischung aus Kochgerüchen (Beuschel, obwohl meine Lieblingsspeise) und des Glamours einer karierten Küchenschürze (wiewohl frisch gewaschen) entließ mich äußerst blutleer. Das alleine wäre noch nicht so schlimm gewesen: Aber seither zählt Beuschel nicht mehr zu meinen oralen Favoriten. Ein herber Verlust."

Der zarte Denkanstoß meinerseits: Vielleicht vögelt es sich zu einem alternativen Menü besser? Es muss ja nicht immer Tierlunge sein. Ich denke an etwas Leichtes, Pochiertes zum Beispiel. Das riecht nicht streng und schaut neutral aus. Man kann den Sex in der Küche aber auch ganz lassen.

Total au contraire hingegen der Bericht von Martina (Alter unbekannt). Sie schildert in einem Mail detailreich den Quickie an einer Waschmaschine im Schleudergang: "Die Kombination aus Rumpeln und Geschobenwerden hatte etwas Ekstatisches. Ich krallte mich in die Weichspülerflasche und ruinierte eine Wäscheklammer. Empfehlenswert, jederzeit wieder!" Bauknecht, weiß, was Frauen wünschen – kein hohler Werbeslogan also. Allerdings gestand sie im PS: "Der, der schob war nicht der Gatte, sondern der Briefträger."

So weit, so interessant. Meine Theorie dazu bleibt trotzdem unerschütterlich: Es gibt keinen schlechten Sex, sondern nur das falsche Setting. Die Wahl des Ortes spielt hier eine maßgebliche Rolle. Im Hunger nach dem ultimativen Koitus-Kick bilden sich blöderweise viele Menschen ein, so richtig lässiger, bemerkenswerter Sex habe auf keinen Fall in einem Bett bzw. im Liegen stattzufinden. Das ist nicht ganz falsch, aber auch nicht ganz richtig.

Hand aufs Herz: Das Geschiebe im Stehen, im Hausflur oder im Aufzug, kann sehr aufgesetzt sein. Da müht man sich mit Krämpfen im Wadel und versucht sich an der Umsetzung einer "Idee des Geilen". Weil es z. B. Menschen in Filmen und Büchern so treiben. Nur: Die sind nicht echt – außerdem hört man, dass es Stuntmen für komplizierte Sexszenen gibt. Mit Risikozulage und Notarzt-Stand-by. Im Film schaut dann alles immer so leicht und ekstatisch aus, dabei sind das durchtrainierte Wesen, die auch kein Problem mit einem Flik-flak auf dem Schwebebalken hätten. Mit einem geschmeidigen Ruck aus der Lende ist er in ihr drin, sie schlingt ihre Beine wie eine Primaballerina um seine Hüften, gemma. Der Durchschnittsmensch hingegen bumst sich einen Bruch.

Achja: Sex im Sand hat ebenso seine Tücken, das ist bekannt. In die Falle bin ich auch schon getappt – eine Ferienerinnerung, von der ich bis in den Frühherbst zehrte. Be(ge-)scheuert, aber lässig. Davon lebt das: Man hat was zu erzählen – "pfuh, wie arg". Ich glaube fast, das ist der einzige Sinn von Sex in Duschen, Klos, auf Wiesen und Klettersteigen. Daher ist es ratsam, aufzuhören, wenn es am unerträglichsten ist. Um animiert und mit weichen Knien ins nächste Lager zu wackeln. Der Fünfsterne-Weg zum Höhepunkt.

gabriele.kuhn(at)kurier.at