sex IN DER FREIZEIT: Geil?

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Meinung Kolumnen Sex in der freizeit
12/05/2011

sex IN DER FREIZEIT: Geil?

Erst war alles irgendwie "ur", dann pflügen Sätze wie "Das geht gar nicht" durchs Wortreich. Und irgendwann ist jeder durchschnittliche Häuslbesen geil. Schade um das schöne Wort, das in manchen Momenten wirklich geil kommt.

von Gabriele Kuhn

Es gibt Sprachmoden - weniger blöde, blöde und sehr blöde. Wie aus dem Nichts tauchen Formulierungen, Sätze und Worte auf und sind in aller Munde. Seit zirka einem Jahr ist das Gros meiner Freundinnen von dem Satz "Das geht gar nicht" oral besessen. So kann es vorkommen, dass an Damenabenden - mit steigendem Rotweinachtelkonsum - eine schwüle "Dasgehtgarnicht"-Orgie die Luft tränkt - je mehr Achteln, desto intimer die Dasgehtgarnicht-Bekenntnisse und -Beichten: "Schatz, ich hatte vorige Woche meine ersten Wallungen. Ich sage nur: Das geht gar nicht.", "Stellt euch vor, mein Mann wollte einen Blowjob von mir - obwohl er wusste, dass ich gerade eine Wurzelbehandlung beim Zahnarzt hinter mir hatte. Kinder, was sagt ihr: Das geht gar nicht?!" Oder: "Wusstet ihr, dass L's Ehemann von der angeblichen, haha, Ayurveda-Kur auf Sri Lanka Filzläuse mitgebracht hat? Souvenir, Souvenir!" Alle: "Neeiiiin. Sowas geht gar nicht." So weit, so gar nicht. Ich muss zugeben, dass ich mich von dieser verbalen Unart anstecken ließ. Was meinen Mann, den Sprachpolizisten, irgendwann dazu veranlasste ein vehementes "Dasgehtgarnicht"-Embargo auszusprechen. Ich kann es ihm wirklich nicht verdenken, beantwortete ich eines Tages tatsächlich sämtliche Anfragen, für die ein schlichtes "nein" oder "jetzt nicht" bzw. "später" durchaus gereicht hätte, mit der unsäglichen Floskel. "Süße, Lust auf einen Quickie?" Ich: "Schatz, Kopfweh - das geht gar nicht." Oder: "Sonntag - Lust auf Schweinsbraten?" Ich: "Baby, Diät - das geht gar nicht." Seit seiner Rüge gehe ich mit den vier Unworten ökonomischer um. Einzig, wenn der gute Mann in dunkler Hose und hellen Socken an meiner Seite ins Partygeschehen stechen möchte, bricht es nach wie vor unkontrolliert aus mir heraus: "Du! Das geht wirklich gar nicht." Äußerst bedauerlich finde ich übrigens den inflationären Umgang mit dem Wort geil. Ich finde geil nämlich - in seiner ursprünglichen Anwendung im Zusammenhang mit fetten, aber schmackhaften Speisen, speziell Torten, und ausuferndem, wirklich gutem Sex - sehr geil. Geil tropft von den Lippen, schwer und träge. Es gießt jenen willenlosen und gleichzeitig rasend lüsternen Zustand während des Vögelns perfekt in vier Buchstaben. Man kann es hauchen, schreien und schreiben. Man kann es atmen und stöhnen. Man kann mit dessen L spielen. Ich muss zugeben, dass ich geil sehr gerne habe und es mir in manchen Momenten freudvoll über die Lippen kommt. Doch seit es mit Potenzhobeln ("geiler Porsche"), aufdringlichen Herren ("geiler Bock") oder Alltagsgegenständen ("total geiles Inhalationsgerät") in Zusammenhang gebracht wird, scheue ich mich zunehmend das im Grunde sehr saftig-schöne Wort im Kontext des Erotisierenden in den Mund zu nehmen. Schade, schade - wo doch wohl nur die wenigsten wissen können, dass es seit dem 15. Jahrhundert nach oben stehende Triebe von Bäumen bezeichnet ("Vergeilung"). Und dieses botanische Sprachbild somit perfekt mit dem Geschlechtsakt harmoniert. Umso mehr muss ich an dieser Stelle festhalten: "Geiz ist geil" geht nicht. Geht gar nicht. Geht echt nicht.