Meinung | Kolumnen | Sex in der freizeit
05.12.2011

sex IN DER FREIZEIT: Geil für die Forschung

sex IN DER FREIZEIT: Geil für die Forschung © Bild: KURIER/boroviczeny

Der Mensch ist ein wissbegieriges Wesen, folglich möchte er noch mehr von dem kennen, was die Welt so zusammenhält.

Manche dieser Weiheiten lassen sich nicht in trockene Formeln gießen - da muss schon ein feuchtfröhlicherer Versuch ran. Besonders in der Sexualforschung - wo freiwillige Lustobjekte den Erkenntnisdrang mit Ganzkörper-Einsatz vorantreiben. Der Sexualforschung hat der Mensch ja eine Vielzahl tiefer Einsichten zu verdanken. Wir koitierten vermutlich immer noch auf schlichtem Steinzeitniveau, gäbe es die Wissenschaft nicht. Die hat gerade im Bereich intimer Zwischenmenschlichkeit eine lange, einschlägig interessante Geschichte. So schreibt Autorin Mary Roach in ihrem Buch "Bonk": "Die Aktivität namens Geschlechtsverkehr beschäftigt die Menschheit seit nunmehr fünfhundert Jahren. 1493 zeichnete der Künstler, Erfinder und Anatom Leonardo da Vinci in einer Reihe von Skizzen die ineinander verkeilten Unterleiber eines Mannes und einer Frau. Die Längsschnitte sollten die Anordnung der Fortpflanzungsorgane beim Geschlechtsverkehr enthüllen." Allerdings mussten viele der Daniel Drüsentriebs mit bereits toten Anschauungs-"Lust"objekten vorlieb- nehmen: Leichen dienten als Vorlage des unterweltbewegenden Atlas of Human Sex Anatomy. Dessen Autor schaffte es immerhin, 102 Gipsabdrücke von Jungfernhäutchen, Vulven und Vaginen zu organisieren. Als Vorlage dienten lebende und sicherlich durchaus freiwillige Patientinnen. Apropos frei und willig. Vor kurzem fiel mir eine amüsante Geschichte im "Spiegel" in die Hände. Darin wurde ein pikanter Vorfall an der Northwestern University in Evanston, Illinois, geschildert. Im Rahmen einer Workshop-Reihe, die sich mit den Spielarten menschlicher Sexualität - rein wissenschaftlich, selbstverständlich - beschäftigte, hielt der Psychologieprofessor Michael Bailey einen Vortrag zum Thema S/M, Fesselspiele und Exhibitionismus. Um die Theorie mit Praktischem zu untermalen, wurde ein Video zum erschöpfenden Thema "weiblicher Orgasmus" gezeigt. Ein Porno, wie ich lese. Doch, Pech auch, er fand beim Publikum als Einführungsvortrag wenig Anklang, O-Ton: unrealistisch! Welch ein Glückstreffer, dass ein williges Paar anwesend war - der Musiker und Grafiker Jim Marcus und eine junge Dame namens Faith Kroll. Sie ist einschlägig als bekennend "zeigefreudig" bekannt und war, um dem Thema "Exhibitionismus" etwas Lebensnähe einzuhauchen, als Gast geladen. Dass aus ihr dann ein Live-Gast werden sollte, schrammt knapp am Prinzip Zufall vorbei. Hatte doch der gute Jim seine neueste Erfindung dabei - einen Do-it-yourself-Vibrator, konstruiert aus einer elektrischen Säge (hinten) und einem aufgesetzten Gummipenis (vorne). Ein spontanes Animationsprogramm für die exhibitionierende Faith, die sich südlich der Gürtellinie locker machte und sich coram publico vom Sägewerk begatten ließ. Gesagt, getan - nach zehn Minuten bekamen die Koital Watchers einen Live-Orgasmus zu sehen. Seitdem hat der Rektor der Uni einiges an Erklärungsbedarf - der Kernvorwurf: Hier handle es sich um einen unnötigen Tabubruch und Wissenschaftsporno. "Organ-Spenderin" Faith hingegen goutierte ihren Auftritt - nicht nur als Dienst an wissbegierigen Studiosi. Nun, wo wäre die Menschheit bloß, existierten nicht all die Freiwilligen, die in Labors vor sich hinmasturbieren, um sich dabei analysieren und messen zu lassen. Wir würden wohl immer noch alternativlos in der Missionarsstellung vögeln und dabei denken, die Welt sei eine Scheibe.