Meinung | Kolumnen | Sex in der freizeit
05.12.2011

sex IN DER FREIZEIT: Es! einfach! tun!

Die reine Begegnung, ohne Schuldgefühl, pur und geradlinig. In Zeiten, wo Forscher täglich mehr über die Anatomie der Lustwissen, wir den Sex zerdenken, könnte mehr Hirnlosigkeit gar nicht schaden.

Einerseits nicht schlecht, dass das sexuelle Wesen Mensch zunehmend bis in seine lüsternen Elementarteilchen entschlüsselt wird. Ein Hoch zum Beispiel jenen männlichen Forschern, die soeben per Magnetresonanztomografen die mentale Geilheits-Landkarte im Gehirn der Frau entdeckt haben wollen - eine Art weiblicher "Homunkulus" also. Jetzt wissen wir wenigstens, wo exakt in den Ganglien es Rambazamba macht, wenn der flinke Finger des aktuellen Urvertrauens an der Klitoris, an den Nippeln oder irgendwo innen drin arbeitet. Spannende Erkenntnis: Die Forscher stellten fest, dass die sexuelle Stimulation der Brüste just auch in jenen Gehirnregionen sichtbar wird, die eigentlich das Genital im Kopf "repräsentieren". Sprich: Du sollst den Nippel... - eh schon wissen - dann hat auch das Souterrain etwas davon. Das macht alles etwas übersichtlicher und machbarer. Die Mechanik der Stimulation, oja! Das öffnet neuen Erfindungen, Praktiken und Hilfsmitteln Tür und Tor. Dagegen ist kaum etwas zu sagen. Wäre doch zum Beispiel nett, gäbe es in Hinkunft einen Vibrator, der die grauen Zellen auch gleich mitschüttelt und -rührt - mit Chance auf einen Körper-Geist-Hirn-Orgasmus. Da fällt mir einer meiner literarischen Darlings ein: der legendäre Spontanfick, geprägt von Erica Jong, in ihrem Buch "Angst vorm Fliegen". Dort beschreibt sie den Spontanfick als reine Begegnung - ohne Schuldgefühle und Bekenntnis. Der pure, geradlinige Sex - ohne Reue, Wenn, Aber, Vielleicht oder Warum. Wobei ich mich in diesem Fall ganz besonders für das englische Original erwärmen kann: Spontanfick heißt nämlich "Zipless fuck". Klingt doch schön, oder? Womit ich am Punkt wäre: Denn was haben die Magnetresonanzdings-Erkenntnisse mit dem Spontanfick zu tun? Allerlei. Da die totale Behirnung, Analyse - die Betrachtung des Vögelns unter dem Elektronenmikroskop. Geilheit, in Formeln und Studien gegossen. Dort das Symbol des halt- und kopflosen Vögelns, des Befreiten und Plötzlichen. Der Spontanfick symbolisiert für mich (die dringend notwendige, in Vergessenheit geratene) "Enthirnung": Heißt: Endlich aufhören, alles abzuwägen, stattdessen: es! einfach! tun! Das gehört medizinisch verordnet. Heute denken die Menschen über alles nach. Sie würden gerne, aber machen nicht. Sie wägen ab, sie diskutieren, sie grübeln und vermanschen die aktuelle Weltlage mit der ihrer Libido. So als wären die Genitalien mit allem und jedem vernetzt. Die Folgen: Immer mehr junge Männer leiden nicht nur an diversen sexuellen Störungen, weil sie sich nicht auskennen, sondern - mitunter - weil sie sich ZUVIEL auskennen. Sie haben verlernt, dem zu trauen, was da unzensiert an Bauchgefühlen kommt. Gleiches gilt für Frauen - auch sie zerdenken die Geilheit, sezieren sie wie Schneeglöckchen im Biologieunterricht und wundern sich, wenn die Einzelbestandteile dieses analytischen Zerstörungsprozesses kein Ganzes mehr ergeben. Jong sagte übrigens auch: "Wenn du gar nichts riskieren willst, dann riskierst du in Wirklichkeit alles." Kein Plädoyer für riskantes Sexualverhalten, aber für mehr Kopflosigkeit beim Sex. gabriele.kuhn(at)kurier.at