Meinung | Kolumnen | Sex in der freizeit
06.01.2012

sex IN DER FREIZEIT: Einmal Brötchen bitte

Glatt, blassrosa und rundum unauffällig straff: So sieht das intimchirurgische Idealbild der modischen Vulva aus. Ob das Leben und Lieben mit einer Konfektions-Muschi tatsächlich ein Besseres ist, bleibt heftig anzuzweifeln.

Man wird ja um diese Zeit des Jahres oft nach persönlichen Wünschen für die nahe oder ferne Zukunft gefragt. Auch Vorschauen sind ein beliebtes Thema – erst kürzlich wurde ich um einen erotischen Ausblick gebeten, man stellte mir Ende Dezember die Frage: "Wie wird der Sex 2012?"Ich bin überzeugt, die Erwartungshaltung des Fragers nicht erfüllt zu haben. Vermutlich hat er sich von mir ein "Geil, what else?" oder "2012, das Jahr der multiplen Orgasmen" erwartet. Aber bitte, woher soll ich wissen, wie sich die Frau Nachbarin durch das nächste Jahr vögelt? Und ob der Herr hinter dem Bankschalter auch noch 2012 einen hochkriegt? Ich sehe in meiner Sex-Glaskugel auch nicht, ob es mehr Typen geben wird, die sich den Popo versohlen lassen wollen oder mehr Frauen, die sich mit Gummimaske ans Gulaschkochen für den Meister machen. Schließlich existiert noch so etwas wie Privatheit – vor allem aber ein Stück Unvorhersehbarkeit. Und die ist gerade beim Sex unverzichtbar.Apropos Intimität und Unvorhersehbares: Wenn ich mir für die Zukunft von einer klugen Fee etwas wünschen könnte, dann wüsste ich was: Bitte lass all die Töchter jener Frauen, die mir nahestehen (aber auch all die anderen, die das nicht tun) ihr ganzes Leben lang auf keinen Fall den schwachsinnigen Wunsch nach einer Runde Probeliegen beim Intimchirurgen äußern. Es ist schon recht beängstigend: Nicht nur, dass sich die jungen Fräuleins von den Eltern immer häufiger auf eine Brustvergrößerung einladen lassen, wächst auch noch ihr Interesse an Designermösen. In der deutschen taz gab es dazu einige spannende Kommentare, denn auch bei den Nachbarn steigt die Zahl der chirurgischen Vulva & Vagina-Behübschung rasant. Nicht nur bei den Jungen übrigens. Ziel sei es, da unten als " Brötchen" daherzukommen: So nämlich schaut das trendy Muschi-Modell aus. Die Schamlippen werden zusammengestutzt, am Venushügel wird Fett abgesaugt, die Klitoris wird freigelegt, der G-Punkt aufgespritzt, das Döschen enger gemacht und wer's ganz pipifein haben möchte, legt mit einer Jungfernhäutchenrekonstruktion noch eins drauf. Und, holla, kann die Dame mit dem 45-jährigen Faltenwurf im Gesicht ein blassrosa Lolita-Möslein nach Barbie-Art ihr Eigen nennen. Sonst noch was?Wenn Sie mich fragen: Auch wenn manche Frauen jetzt sagen werden, hey, das ist meine Vagina, mit der mach’ ich, was ich will ..., ich bleib’ dabei: Das ist nicht nur gehobener Schwachsinn, sondern gefährlich. Das Ideal der normierten Lolita-Muschi ist nichts anderes als die radikale Beschneidung des Weiblichen, um pornografischen Trugbildern zu entsprechen. Hier wird Natur verstümmelt – und auf Massenware konfektioniert.Nur so viel: Jede Muschi ist gut wie sie ist, ein letzter Hort intimer Individualität. Da halte ich es mit der großen Betty Dodson, die nicht müde wird, die weibliche Unterwelt zu preisen: "Ladies, please – hört auf mit dem Schwachsinn. Das einzige Falsche an eurer Vagina ist, sie nicht genug zu lieben. Stattdessen verbringt ihr unglaublich viel Zeit mit Überlegungen, was an ihr falsch sein könnte. Liebt sie, berührt sie, schließt Frieden mit ihr. Sie ist perfekt."gabriele.kuhn(at)kurier.at