Meinung | Kolumnen | Sex in der freizeit
05.12.2011

sex IN DER FREIZEIT: Bewegte Lust

Der L'amour-Hatscher: Vermutlich längst ausgestorben, hat er trotzdem noch Kult-, vor allem aber Vorspiel-Potenzial.

Das individuelle Sexualleben lebt unter anderem heftigst von der Kraft der Erinnerung. Die Abenteuer sind und bleiben im Kopf - nicht immer als prämierter Fünfstern-Fick, aber zumindest als gelebte Erfahrung: Das schwüle Ausgreifen auf der Hinterbank eines grünen Opel Kadett, an dessen Rückspiegel ein langer Fuchsschwanz baumelte. Der erste gespielte Orgasmus. Der erste nicht gespielte Orgasmus. Der hundertste abgebrochene Fingernagel beim Versuch sein Hosentürl aufzufummeln. Der besoffene One-Night-Stand mit jemandem, dessen Name möglicherweise Schurli gewesen sein könnte. Oder auch nicht. Die Sorglosigkeit jugendlich-leichten Geilseins. So mancher Ritt durch erotische Fettnäpfchen. Hach. Die Auslöser für Erinnerungen dieser Art sind oft einmal banal. Düfte, zum Beispiel. Da liegt der Geruch einer frisch gemähten Wiese in der Luft und schon juckt's reflexartig am Popsch, dazu wabert ein uralter Geschlechtsakt durchs Hirn: Du und ein Vokuhila-gesegneter Er unterm freien Himmel, ringsum nichts - außer Wiese, Butterblumen und 24.000 emsige Ameisen, die dem lüsternen Treiben in der Natur ein jähes Ende setzten. Lass jucken, Kumpel - war das vielleicht eine Pustelparty! Ein starker Auslöser für das nostalgische Sexkino ist Musik. Erst unlängst fuhr ich verspannt von der Redaktion Richtung Haus und Hof, da säuselte sich "Dreams are my Reality" (La Boum, die Fete, Teil 1) in die Untiefen meines Akt-Ordners. In der Sekunde hatte ich nostalgische Tanzszenen im Kopf - Discofeeling, 1980er-Style. Was insoferne bemerkenswert ist, als ich Tanzen in die Kategorie "unnötig" einordnete - außer aber es handelte sich um einen so genannten "L'amour-Hatscher", später als "Slow" bekannt. Bei uns sprach das Weibsvolk in etwa so davon: "Pfuh, ich hab mit dem zwei Stunden lang echt urvoll eng getanzt." Charakteristisch für diese Form bewegter Lust war die Haltung. Harmlose Variante: Ihre Hände auf seinen Schultern, der Kopf an seiner Brust, seine Pratzerln an ihren Hüften. Takte später: Totales Pressen. Maximaldurchblutung südlich des Nabels. Hände am Hintern. Akuter Petting-Alarm. Das Schöne an dem Gewiege war das Sich-Verlieren in Klängen, Berührungen und arhythmischer Nähe. Man tanzte nicht, man wankte desorientiert herum - in Wellen von Verlangen, Sehnsucht und immer dringend werdender Geilheit badend. The best Vorspiel ever! Die Frage ist nur: Gibt's diese Form des genitalen Amuse gueule überhaupt noch? Ist es heute nicht eher so, dass man sich erst ansauft und dann gleich vögelt? Existiert das taktlose "Dazwischen" noch? Bzw. weiß überhaupt noch jemand, wovon beim "L'amour-Hatscher" die Rede ist? Keine Ahnung - ich war gefühlte 20 Jahre nicht mehr in einer Tanzlocation. Folglich befragte ich meine Facebook-Freunde - und siehe da: Großes Schwelgen - aber auch: Ernüchterndes. Herr P, auch nicht mehr der Frischeste, postet trocken bis frech: Bei den Seniorentänzchen und Eisernen Hochzeitsfeiern lebt er sicher noch! Hoch! Und sonst? Jede Menge Musiktipps - Kuschelrock reloaded: Von "Lost in Love" (Air Supply), über "Samba Pa Ti" (Santana) bis zu "Power of Love" (Jennifer Rush). Oder aber: "Besame Mucho". Weil das machte ja die ärgsten Flecken.