Meinung | Kolumnen | Sex in der freizeit
09.03.2013

Es hört nie auf

Wenn es um das heikle Thema „Sex im Alter“ geht, gibt es viele Missverständnisse. So mancher glaubt gar, Menschen jenseits der 50 assoziierten beim Begriff „Blowjob“ nur mehr einen Lungenfunktionstest. Aber das Spiel von Frau und Mann hat kein Ablaufdatum – und vielleicht hat es jenseits von Leistungsdruck sogar mehr Reiz.

Sex jenseits der 50 lebt.

Gabriele Kuhn | über Sex im Alter.

Unlängst war ich für eine große Veranstaltung als Gesprächspartnerin und Diskussionsteilnehmerin geladen. Nein, es handelte sich weder um eine Erotikmesse noch um den Dildo-Erfinder-Weltkongress. Ich war zu Gast bei der „Senior aktuell“ in der Wiener Stadthalle und durfte zum Thema „Glücklichsein im Alter“ philosophieren. Und da ging es naturgemäß auch ein wenig um das Sexleben jenseits von ...

Ja, genau – jenseits wovon? 50 plus, sage ich nur. 50! plus!

Ich muss sagen, ich bin ein wenig verwundert. So eine Seniorenmesse ist ganz sicher eine wunderbare und höchst informative Veranstaltung, aber dass Menschen jenseits des fünften Lebensjahrzehnts vollautomatisch in der Kategorie „Senioren“ firmieren müssen, ist nicht okay. Von mir aus stellt mich mit meinen 52 ins Oldie-Eckerl und lasst mich dort schmoren. Aber nicht ohne meinen Fuck & Fun-Faktor. Was also gar nicht geht: Menschen, die nicht mehr ganz so dem Forever young, fit & stromlinienförmig-Ideal entsprechen, mit Schlummerrollen, Heizdecken und Magnetfeldmatten für das marode Kreuz in ein Einkaufssackerl zu stecken. So als ob das wirklich alles wäre, was vom Leben geblieben ist. Und diese sogenannten „Senioren“ den Begriff Gleitgel nur mehr aus der Rubrik „Hüft- und Kniegelenks-Schoner“ kennen würden. Oder das charmante Wort „ Blowjob“ für einen Lungenfunktionstest hielten.

Okay, ich habe es gerne warm im Bett – und ja, ich gebe zu, dass ich mitunter mit einem halswirbelsäulenfreundlichen Polsterl schlummere. Ich freue mich also über diesbezüglich einschlägige Angebote. Aber das heißt nur, dass ich mich gut um mich und meinen Körper kümmere. (Übrigens: Ich kenne viel Jüngere, die tun das auch. Die haben sogar ein noch wirbelsäulenfreundlicheres Schlaflager als ich). Das alles heißt aber genau nix.

Sex jenseits der 50 – und das habe ich an dieser Stelle nachdrücklich, leidenschaftlich und oft genug geschrieben – lebt. Und mit ihm ein Lebensabschnitt, der nicht nur die bösen Wechseljahre oder die gefürchtete „erektile Dysfunktion“ bringt, sondern – im besten Fall – mehr Gelassenheit.

„Von wegen Midlife-Crisis! Das mittlere Alter ist ein Triumph, ja die Krönung der menschlichen Evolution“, schreibt etwa David Bainbridge in seinem neuen Buch „Wir Middleager“. Mag sein, dass dieser Triumph nicht täglich mit einer Kruppstahl-Erektion beginnt und einem Orgasmus-Dreifach-Jackpot endet – aber dafür geschieht vieles bewusster, sinnlicher, gelassener und entspannter. Bainbridges Antwort auf seine eigene Frage sagt alles: „Wie oft also haben nun Menschen im mittleren Alter Sex? Sagen wir mal so: Öfter als jüngere Leute es wahrhaben wollen.“

Dazu fällt mir Hedy Fuchs-Waldherr ein. Die 63-Jährige lebt in München und ist Sex-Beraterin für Senioren. Auf ihrer Homepage www.sinnlicher-walzer.de gibt sie Tipps. Und um positiv zu motivieren, erläutert sie reifen Herrschaften schon einmal live, wie ein Dildo funktioniert. Sie ist überzeugt: „Das Spiel und die Lust der Männer, die Frau herumzukriegen, hört nie auf. Genauso wenig hört das Spiel und die Lust der Frauen nie auf, sich von den Männern herumkriegen zu lassen.“ Also, hoppauf.

gabriele.kuhn@kurier.at