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03.12.2016

Über die verkehrte Fußball-Welt

Das Problem müsste also an der Wurzel gepackt werden.

Paul Scharner | über den Alkohol-Alltag im Fußball

"Die Fußball-Welt steht Kopf", ist oft zu hören: Altach ist Erster und steht vor dem Herbstmeistertitel. Rapid hat investiert wie noch nie und ist nur noch Siebenter. Das kann nicht sein. Oder doch? Schießt Geld doch keine Tore? Ich sage: Im Endeffekt geht’s immer um den Menschen.

Bei Rapid wurde mit Trainer Barisic ein ganzes, eingelebtes System ausgehebelt. Es wundert mich nicht, dass die Folgen länger zu spüren sind als geglaubt wurde. Wenn sich auf menschlicher Ebene Entscheidendes verändert, ist das bedeutsamer als Geld und Klasse.

Ein Blick auf die Tabelle legt noch eine Frage nahe. Und zwar an alle drei Großklubs: Was macht ihr eigentlich? Da findet der Schlager AustriaSalzburg statt, und die Kulisse (4880 Zuschauer) hätte besser auf den Sportclub-Platz gepasst.

Eine Erklärung dafür habe ich vor zwei Jahren bei einem längeren Gespräch mit Finanzvorstand Kraetschmer gehört. Auf meine Frage, was sie schaffen wollen, um dann im neuen Stadion durchzustarten, war die Antwort: "In der Ostregion, also im Süden von Wien, im Südosten Niederösterreichs und im Burgenland die Nummer eins bei den Fans werden." Was ist das für ein Anspruch? Für mich ist die Austria neben Rapid der traditionsreichste, erfolgreichste und wichtigste Verein in Österreich. Dementsprechend kann das Ziel nur sein, Rapid bei den Fans den Rang in ganz Österreich abzulaufen. Aber vielleicht ist die Austria ohnehin lieber der "elitäre Klub", als der sie öfters wahrgenommen wird.

Rätsel Gregoritsch

Ein Problem mit der Wahrnehmung hat auch der ÖFB, wenn er versucht, die wiederholten Alkohol-Eskapaden in der U 21 unter Werner Gregoritsch zu verharmlosen. Genau solche Geschichten sind der Grund, warum Fußballer immer noch Imageprobleme haben. Und warum in Österreich der letzte Schritt zur internationalen Klasse nicht funktioniert.

Der Anfang dieser Misere war eine unsägliche TV-Diskussion 2011. Mehrere "Promis" haben sich auf den eben präsentierten Teamchef Koller eingeschossen. Auch Gregoritsch hat damals im ORF gegen Koller gewettert.

Wenig später wurde dieser Trainer U-21-Teamchef, also vom ÖFB scheinbar dafür belohnt? So wie jetzt gerätselt wird, wer mit wem in Spanien wie lange gesoffen hat, bleibt es auch ein Rätsel, welche Hintergründe Sportdirektor Ruttensteiner damals geritten haben.

Ausbildung der Kleinen

Leider höre ich öfter, dass es unter einigen Profi-Kickern üblich ist, einmal die Woche tiefer ins Glas zu schauen. Natürlich ist das ihr eigenes Problem. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass sie in einem System ausgebildet werden, das in diesem Bereich nur allzu gerne beide Augen zudrückt. Das Problem müsste also an der Wurzel gepackt werden. Bei der Ausbildung der Kleinsten und vor allem bei der Auswahl der Jugendbetreuer.

Der Fußball kann so viel Positives ausrichten, gerade in der Entwicklung von sechs bis elf Jahren. Aber nur, wenn er auch die richtigen Werte vermittelt und die Vorbildfunktion wahrnimmt.