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03.02.2018

Warum Hirscher ein Vorbild für Kicker ist

Um auch in Österreich die Sportart Nr. 1 zu werden, müssen sich Fußballer etwas vom besten Skifahrer abschauen.

Um auch in Österreich die Sportart Nr. 1 zu werden, müssen sich Fußballer etwas vom besten Skifahrer abschauen.

Paul Scharner | über das Vorbild Marcel Hirscher

Alle Sportarten rittern um eine begrenzte Aufmerksamkeit beim interessierten Publikum. Am Wochenende prallt der Frühjahrsstart der Fußballer auf aktuelle Skirennen und die nahenden Olympischen Spiele.

Österreichs sportliches Aushängeschild Marcel Hirscher hat einiges vorgelegt. Seine außergewöhnliche Bilanz rückt (für hoffentlich alle Sportler) die Frage in den Fokus: Was ist notwendig, um so erfolgreich zu werden? Das in Österreich weit verbreitete „Schau ma mal“ reicht sicher nicht. Hirscher ist viel mehr als das Produkt seines Talents. Er und sein höchst professionelles Team im Hintergrund nutzen wirklich jede Minute, um besser zu werden. Bei Fußballern ist das leider nicht immer üblich.

Rund um die Qualifikation für die EURO 2016 hat sich gezeigt, welch großes Potenzial auch im Fußball bei uns da ist. Ich würde mir wünschen, dass „meine“ Sportart die Nummer eins in Österreich wird. Dass es selbst bei einer positiven Weiterentwicklung nicht so einfach wäre, die Skifahrer auch medial vom Stockerl zu stoßen, haben frühere Wahlen zum Sportler des Jahres gezeigt: Als ausnahmsweise David Alaba gewonnen hat, obwohl Hirscher großen Erfolg hatte, war der Aufruhr im alpinen Lager groß.

Vor einigen Tagen hatte ich bei einem Nachwuchsspiel Kontakt mit einem Funktionär. Am Schluss meinte er: „Ah, du bist der Paul Scharner – also der, der immer unzufrieden war“. Es war zwar nicht so gemeint, aber für mich war es das größte Kompliment. Es ist eine entscheidende Frage: Womit gebe ich mich zufrieden? Stellen Sie sich einmal vor, wie oft Hermann Maier oder Hirscher schon wirklich zufrieden waren.

Nur Understatement Der Gegensatz dazu wird im österreichischen Fußball gelebt. Sturm ist Tabellenführer und kündigt an, dass am Ende Salzburg Meister wird. Der zweite Platz wäre für die Grazer ohnehin ein Erfolg. So eine Sichtweise wäre für Hirscher undenkbar. Er will immer der Beste sein und so viel wie möglich gewinnen.

Im Fußball hat sich das Understatement aus zwei Gründen eingebürgert: Zum einen soll dadurch der Druck verringert werden. Niedrigere Ziele werden vielleicht leichter erreicht. Zum zweiten wird schon vorab ein Fluchtweg gebastelt: Lieber mit wenig zufrieden sein, als in Erklärungsnot zu gelangen, wenn über das Scheitern geredet werden muss.

Das für mich interessanteste sportliche Ereignis am Wochenende ist das 325. Derby. Mir war immer wichtig, mit einem Erfolgserlebnis in eine längere Pause zu gehen, um positive Energie mitzunehmen. Das ist Rapid mit dem 5:0 in St. Pölten vor Weihnachten gelungen. Und trotzdem glaube ich nicht an einen Sieg – mein Derby-Tipp ist ein Remis.

paul.scharner@kurier.at