Kolumnen | quergedacht
10.06.2017

Probleme im Team sind hausgemacht

Im und rund um das ÖFB-Team rumort es. Das zeigen auch die ungewöhnlich deutlichen und offenen Worte von Marcel Koller bei der Kaderbekanntgabe. Dem Teamchef steht es natürlich zu, auch einmal öffentlich Kritik zu üben. Koller hat sich lange genug vor die Spieler gestellt.

Allerdings sehe ich beim Vorgehen des Schweizers ein tieferliegendes Problem. Der Trainer hat ein System der persönlichen Abhängigkeiten aufgebaut. So etwas funktioniert immer nur für einen beschränkten Zeitrahmen. Bis die Spieler mündiger werden, Kritik üben oder sich mehr einbringen wollen. Dieser Zeitpunkt dürfte 2017 gekommen sein.

Causa Ulmer

Bis zur EURO war alles super, der Erfolg überdeckt ja üblicherweise viel. Aber wenn es Misserfolg gibt, brechen Konflikte auf. Das ist einerseits logisch, andererseits tut sich Koller damit bekanntlich schwer.

Ein Sinnbild dafür ist die "Causa Ulmer". Ich bringe absolutes Verständnis für den Spieler auf: Seit vielen Jahren bringt der linke Außenverteidiger Leistungen auf Teamniveau. Trotzdem wurde er vier Jahre lang kaum beachtet.

Sogar ein Ersatzspieler aus seinem Klub (Stangl) wurde Ulmer – dem alle einen guten Charakter attestieren – vorgezogen. Und jetzt soll Koller überrascht sein, dass der Salzburger lieber heiratet als vom ÖFB einen Anruf abzuwarten? Ich würde an Ulmers Stelle dem Teamchef ein Foto von der Hochzeit schicken.

Nachdem die linken Verteidiger nur so wegbrechen, stellt sich die Frage, was da los ist. Fuchs und Suttner wollten nicht mehr, Ulmer durfte nicht und Wimmer ist kein linker Außenverteidiger. Meine Antwort: Das Problem hängt mit David Alaba zusammen. Bei Bayern ist er auf dieser Position Weltklasse. Im Team ist noch immer nicht geklärt, ob er dort nicht spielen soll oder will.

Problem Alaba

Vermutlich will Koller mit der Dreierkette und Alaba davor als Außenspieler auch den Mittelweg wählen, der beides vereint: Alaba als Verteidiger und Mittelfeldspieler.

Ich habe ja Verständnis für Alabas Wunsch nach der zentralen Rolle. Bekanntlich habe ich es einigen Trainern auch nicht leicht gemacht. Nach der Karriere ist die Sichtweise auf einstige Wünsche natürlich eine differenziertere.

Für Österreich wünsche ich mir in Dublin jedenfalls den nötigen Sieg. Auf der Insel wäre von einem "Must-Win" die Rede. Wobei die Vorzeichen mit dem ausgedünnten Kader nicht die besten sind. Eine Chance könnte aber die gute Ausgangslage der Iren sein: Wenn Teamchef O’Neill (der mich zwei Mal verpflichten wollte) nur auf ein Remis spielen lassen sollte, ist Österreich mit dem klaren Fokus auf einen Sieg wieder im Vorteil.

paul.scharner@kurier.at