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01.07.2017

Keine Angst vor dem Videobeweis!

Es ist nur logisch, dass der Fußball als Gelddruckmaschine alle technischen Hilfsmittel nutzen muss.

Wenn schon das Fair Play so hochgehalten wird, müssen auch alle Tore korrekt fallen oder annulliert werden.

Paul Scharner | über die Notwendigkeit des Videobeweises

Für die meisten Diskussionen beim Confederations Cup sorgen nicht die Spiele, sondern eine Neuerung: der Videobeweis. Ich finde es richtig, dass dieses Hilfsmittel in Russland getestet wird: Das ist an sich eine große Bühne, aber eigentlich will dort eh kaum jemand spielen. Also genau der richtige Rahmen, um diese Möglichkeit für die WM 2018 auszutesten.

Logisch, dass – außer bei der offiziellen Beurteilung durch die FIFA – nicht sofort alles passt. Kinderkrankheiten sind bei einem doch schwerwiegenden Eingriff kaum zu vermeiden. Vor allem die Dauer der Unterbrechungen ist nicht optimal: Das dauert bis zu zwei Minuten, das ist zu lange.

Rasante Veränderung In Österreich leben die älteren Generationen ja oftmals in der Vergangenheit. Sie ignorieren, dass sich der Fußball in den vergangenen Jahrzehnten – sagen wir einmal seit Córdoba 1978 – schon grundlegendend gewandelt hat. Der Fußball wurde zu einer Maschinerie, die wie eine Gelddruckerei funktioniert.

Deswegen geht es bei Fehlern, die durch das Video mittlerweile zu korrigieren wären, oft um Millionen. Den Lattenschuss von Lampard bei der WM 2010 für England gegen Deutschland hat die ganze Welt hinter der Linie gesehen – nur der Schiedsrichter nicht.

Natürlich ist es ein Argument, zu sagen: Der Fußball muss überall gleich ablaufen. Auch in einer Amateurliga sollen die Regeln und Durchführungsbestimmungen wie in einem Finale der WM gelten. Ich halte dagegen: Wenn schon das Fair Play so hochgehalten wird, müssen auch alle Tore korrekt fallen oder annulliert werden, sofern das technisch möglich ist. Alles andere ist in Zeiten von digitalen Analysetools unfair.

Außerdem ist der Fußball in der Champions League ohnehin nicht mehr mit jenem in der 2. Klasse Donau zu vergleichen. Die Kommerzialisierung ist so extrem, dass ich keine aufrechte Verbindung mehr zu den Hobbyfußballern sehen kann.

Meiner Meinung nach sollte jede technische Hilfe zugelassen werden, die auch wirklich eine Hilfe darstellt. Und jeder, der sich das leisten kann, soll sie auch einsetzen dürfen. Und wenn sich das ein Verein in der zweiten Liga einbildet – okay.

Wie viele Pausen? Fraglich ist für mich hingegen, wie oft die Hilfsmittel eingesetzt werden dürfen. Bei Toren ist das eindeutig, da gibt es ohnehin die Spielunterbrechung, die von den Schiedsrichtern zum Videostudium genutzt werden kann. Aber gilt das auch für Abseitsentscheidungen oder Fouls im Mittelfeld? Soll es eine Beschränkung pro Halbzeit und Team geben?

Eindeutig ist für mich hingegen, dass der Fußball als Breitensport auch künftig ohne Videobeweis funktionieren wird. Wer heute gerne mit Bier und Knacker am Dorfplatz neben der Bande steht, wird auch künftig mit voller Überzeugung über den blinden Schiri schimpfen können.

paul.scharner@kurier.at