„Es geht knallhart um den Sieg“

Der Offiziersball Freitagnacht in der Hofburg stand im Schatten der Volksbefragung

Im Eröffnungs-Showblock wird „Zwei Herzen im Dreiviertel-Takt“ gesungen. Doch von einem Herz und einer Walzerseele kann am Offiziersball Freitagnacht in der Hofburg keine Rede sein. 36 Stunden vor der Volksbefragung über die Abschaffung der Wehrpflicht offenbart sich die tiefe Kluft zwischen dem Führungs-Establishment im Heer und Verteidigungsminister Norbert Darabos. Mitten im Gedränge von Offizieren in weißen Gardeuniformen scherzt Darabos’ Stabschef, Karl Schmidseder, bitter: „Darf ich Ihnen den zweiten Berufsheer-Befürworter des heutigen Abends vorstellen?“ Ganz so krass will es Darabos nicht sehen, aber auch er räumt ein: „Die Mehrheit hier ist sicher für die Wehrpflicht.“ Deren Speerspitze, Armeechef Edmund Entacher, sitzt gleich am Nebentisch und macht aus seinem Herzen keine Mördergrube. Kurz zuvor haben er und Darabos noch einträchtig den Ball eröffnet. Wenige Minuten später sagt Entacher im Small Talk: „Davon darf sich niemand täuschen lassen. In Wahrheit geht es am Sonntag knallhart um den Sieg. Wer gewinnt, hat gewonnen.“ Und wer verliert, ist der Besiegte. So einfach ist das in der Logik der Militärs.

Dem Minister dürfte seine prekäre Lage im Fall einer Niederlage durchaus klar sein. Ein Lapsus in seinem Ball-Eröffnungs-Statement lässt tief blicken: „Gehen Sie am Sonntag zur Volksbefragung – aber amüsieren Sie sich heute noch.“ Aufbrandendes Gelächter im Saal.

An den Offizierstischen wird offen über den Verbleib des Ministers im Fall eines Wehrpflicht-Siegs geredet. Die meisten sind der Ansicht, dass man die verbleibenden Monate bis zur Nationalratswahl mit Darabos noch aushalten werde – „unter der Voraussetzung, dass er uns keine Hindernisse bei der Reform der Wehrpflicht in den Weg legt.“ Das Erste, das der Generalstab machen will, ist, die Zahl der Einrückungstermine der Grundwehrdiener von derzeit elf im Jahr auf vier zu reduzieren. Das würde die Zahl der Systemerhalter – also des „sinnlosen Präsenzdiensts“ – verringern. Dafür brauche man kein Gesetz und daher auch keine Politik. Dass das starre Dienstrecht noch vor der Wahl geändert wird, glaubt kaum jemand. „Die Politik fürchtet sich vor der Gewerkschaft“, sagt Entacher.

In der Umgebung des Ministers wiederum wird die hochdekorierte „alte Garde“ an den Ehrentischen im Ballsaal der generellen „Reformunwilligkeit“ geziehen. Tatsächlich verteidigt so mancher Offizier die Wehrpflicht weniger aus Überzeugung, sondern aus Furcht vor Bedeutungsverlust. Man glaubt, dass ein Berufsheer von der Politik finanziell ausgehungert und radikal reduziert würde: „Kleiner, billiger und schwächer“ würde das Heer werden.

Verbale Giftpfeile fliegen nicht nur zwischen Armeeführung und Minister-Anhang hin und her. Auch zwischen den Politikern wird gestichelt.

Innenministerin Johanna Mikl-Leitner stattet dem Offiziersball als „Spiegelministerin“ einen Besuch ab. In roter Robe, weißem Cape aus Kunstpelz und in Begleitung des neuen Generaldirektors für öffentliche Sicherheit, Konrad Kogler, nimmt sie auf der Ehrentribüne Platz. Darabos übergeht bei der Begrüßung seine politische Kontrahentin in der Wehrpflicht-Auseinandersetzung geflissentlich, einen Gegenbesuch auf dem Polizeiball in einer Woche plant er auch nicht. Er über sie: „Mikl-Leitner lässt sich ihren Auftritt hier natürlich nicht entgehen.“ Konzilianter Nachsatz: „Wobei – sie war im Vorjahr auch hier.“ Sie über ihn: „Er hätte mich wenigstens erwähnen können.“ Versöhnlicher Nachsatz: „Aber was soll’s.“

So ganz entspannt genießt auch die ÖVP-Ministerin den Ball-Abend nicht, obwohl die letzten Umfragen ein Ergebnis von 54 Prozent für die Wehrpflicht zu 46 Prozent für ein Berufsheer vorher sagen. Grund für die Nervosität der ÖVP ist der letzte Trend: Der Abstand zwischen Wehrpflicht und Berufsheer hatte in den Hochzeiten schon mehr als dreißig Prozent betragen und ist in den letzten Wochen auf acht Prozent zusammen geschmolzen. Die anfangs dilettantisch agierende SPÖ kam zuletzt auf Touren, gestern warf sich Kanzler Werner Faymann an der Seite junger Berufsheer-Befürworter ein letztes Mal in die Schlacht. „Von meinem Gefühl her ist die Stimmung pro Wehrpflicht, aber die Leute müssen abstimmen“, sagt Mikl-Leitner. „Anspannung“ gesteht auch Entacher ein. „Doch das darf einem General nichts ausmachen.“

Laut SORA-Institut werden heute mehr als 40 Prozent an der Befragung teilnehmen. Das wäre wenigstens nicht peinlich.

Erstellt am 20.01.2013