Paaradox: Laster-Fahndung

© Illustration: Andrea Kritzmanich

Meinung Kolumnen Paaradox
05/13/2012

Wir(r)- Gefühle

Das gemeinsame Glück bedeutet zwangsläufig Verzicht. Wer Ehe sagt, muss auch Kompromiss sagen.

Sie Am Anfang ist kritiklose Verschmelzung. Kuss! Komm nah und näher. Kuss. Kuss. Ohne dich kann ich nicht schlafen, leben, den Mist ausleeren. Und schon bald hören wir uns flöten: Lass uns zusammenbleiben, für immer! Madame Venus gründet mit Monsieur Mars ein neues Universum.

Wir-Gefühl

In diesem Universum gelten erst einmal die Regeln des Wir-Gefühls. Inklusive Selbstaufgabe. Was hat Herzbube in den ersten Monaten der Entflammung nicht nicht Fußball geschaut! Am Anfang einer Beziehung ist das selbstverständlich. Weil die Individualität zugunsten der Beischlaffrequenz und Vernarrtheit vollkommen perdu geht. Ein Jahr später ist es so weit: Man taucht aus dem Ursupperl des Begehrens, um endlich wieder "ich" zu werden. Da gilt es, seine Marotten und Hobbys – sein Sein – halbwegs mit ihren Marotten, Hobbys und ihrem Sein zu einer Schnittmenge zu vermurksen. Heißt in weiterer Folge: Verzicht.

Ich zum Beispiel habe irgendwann aufgehört, Frauenzeitschriften und Wimperntuschen zu sammeln. Weil er meinte, dass das Zusammenleben mit Bergen von Freundin, Brigitte und Petra eine Attacke auf seinen Intellekt sei und er keine Lust hätte, sein Nagelzwickerl zwischen 35 Super-Wonder-Eye-Lashes zu suchen. Außerdem schlafe ich nicht mehr mit dem speibgrünen Gesundheitspolster, weil Herzbube ihn als libidofeindlich empfindet. Und er?

Heuchelei

Er heuchelte nur anfangs Verzicht, um sukzessive all seine Marotten in die Ehe zu importieren. Daher weiß ich auch, was demnächst wieder auf mich zukommt. Ein 41-Jähriger, der vor Glück fast weint, weil er einen Ribery gegen einen Lahm tauschen kann. Der mit seinem Panini-Pickerl-Heft so hantiert, als wäre es eine Ming-Vase. Zeit für einen neuen Gesundheitspolster, find ich. Allenfalls speibbeige.

 

Er No way. Die Damenrunde (Charakteristik: prustende Verschwörung) hatte einst keinen Zutritt zum gemeinsamen Wohnzimmer. Wer frisch verliebt ist, verdammt astrologisches Papperlapapp. Da wurden auch keine Tarot-Karten aufgefächert, um sich gruppendynamisch zu erarbeiten, welche Auswirkungen 17 Kelche oder 41 Schwerter auf die Sommer-Libido haben. Da gab es keine Bitte, ich möge mich still beschäftigen statt zynischer Spielverderber zu sein. Nix da. Kein Weiberabend. Die Zeit gehörte uns und der leidenschaftlichen Deutung der Gegenwart.

Verzicht

Im gleichen Maße hatte ich nur Augen für ihre Augen statt für die Kicker im Horrstadion. Der Verzicht war mir ein Volksfest.

In der Zwischenzeit würde ich aber gerne wieder regelmäßig auf Fußballplatz-Tribünen sinnlose Emotionen leben. Nur: Das geht bestenfalls (eher nie) nach Terminabsprachen. So sagte ich einst im März: "Schatz, am 15. April gehe ich zum Wiener Derby." – "Blöd, da haben wir die Drabeks zum Abendessen da, und das ist schon lange ausgemacht" Egal, war eh ein fades 0:0.

Idylle

Es bleibt die Erkenntnis: Die Spontanität habe ich mit der Entscheidung, familiäre Idylle zu erschaffen, beerdigt. Zwei, drei Bier nach der Arbeit mit dem Freund? Gute Idee, aber Mutti ist heute beim Zahnarzt. Wer kauft also fürs Abendessen ein? Bringt den Hund zum Laufen und Scheißen? Lernt mit dem Kind alles über die Faszination der Äquivalenz-Umformung? In Wahrheit stellen sich diese Fragen gar nicht mehr. Partnerschaftliche Kompromisse und steter Verzicht sind als Antwort ein Dauerbrenner.

Lang ist die Liste der verlorenen Must-haves. Und seit heuer steht sogar Panini drauf. Ich sammle nicht (der obere Text ist also nur üble Polemik). Das dabei gesparte Geld wird mein Ehe-Glück perfektionieren. Sagen zumindest die Tarot-Karten.

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