Meinung | Kolumnen | Paaradox
08.10.2017

Zwei Schlapfen, kein Mann

Gefühlswellenbad. Augenblicke am Strand, die mehr sagen als tausend Worte.

Weil später manchmal zu spät sein kann.

Gabriele Kuhn | über die Szenen einer Redaktionsehe.

Sie

Bitte noch eine Urlaubsgeschichte, dringend. Da stand er, der Mann nebenan und sprach: Ich geh ins Meer schwimmen, gehst mit? Aber ich war faul und sagte: „Jetzt nicht, später.“ Dann sah ich, wie er ging, hörte das Meer rauschen, den Wind blasen und dachte: „Schön ist es, auf der Welt zu sein und nix reden zu müssen.“ Denn interessanterweise waren diese Tage von seinem – wohl durch Sand und Sauvignon Blanc induzierten – Plauderwastlismus geprägt. Kaum lag ich vom Nichtstun geplättet auf einer Liege herum, pirschte er sich auch schon heran, um über diverse Vorwahl-Skandale zu referieren. „Bitte! Schatz! Jetzt nicht und auch nicht später!“ Da war er dann meist beleidigt.

Wo ist er denn?

Also genoss ich die Stille – und entschlummerte. Eine Stunde später wachte ich auf – niemand da. Der Himmel war grau geworden, es stürmte, die Wellen peitschten. Ich ging zum Strand. Im Meer keiner, am Strand keiner – nur zwei Badeschlapfen im Sand. Seine Schlapfen. Ehrlich? Ich geriet in Panik. Mein Herz stolperte, die Gedanken rasten. Was … wenn? Einatmen, ausatmen. Ich starrte erneut aufs Meer. Starrte auf die Schlapfen. Starrte auf den Strand. Da! Ein winziger hüpfender Punkt, weit weg, der immer näher hüpfte. Bitte lass es den Mann nebenan sein! Bitte! Ich werde auch nie mehr über die Gartendusche schimpfen, Ehrenwort. Minuten keuchte er daher und sagte: Du, ich war spontan joggen, so geil! (Und das von einem, der Joggen sonst hasst). Ich schwieg, umarmte ihn und nahm mir still vor, nie wieder „Jetzt nicht, später“ zu sagen. Weil später manchmal zu spät sein kann.

Nächste Lesungen: 14. 10. Danubium Tulln,; 24. 10., 9. 11. und 28. 11. Rabenhoftheater, Wien; 18. 11., Stadtgalerie Mödling

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Er

Gut, wenn gnä Kuhn der Sinn nach Gemeinsamkeit steht. Weniger gut, wenn man selbst gerade sehr bei sich ist und dort auch noch eine Weile bleiben will. Denn sie ist die Großmeisterin des (subtilen) Insistierens. Ein simples „Nein, keine Lust“ (z. B. auf einen Spaziergang) ist für meine Frau inakzeptabel. Von „Aber die Stimmung ist so schön“ über „Ein bisserl Bewegung wird dir nicht schaden“ bis „Na geeeh'“ wird jedes Argument zur Umsetzung ihres Willens bemüht. Bis ich endlich leicht genervt „Also gut“ sage. Und sie antwortet: „Na, wegen mir brauchst du’s nicht machen, ich kann auch alleine spazieren.“

Spontanität

Ich hingegen frage nur einmal und akzeptiere jede Antwort. Daher schwamm ich auch ohne Begleitung ins Meer hinaus. Und ließ mich von immer stärker werdenden Wellen treiben. Es waren Augenblicke des Glücks. Und als ich danach den Strand betrat, hatte ich das Bedürfnis zu laufen. Es war ein plötzlicher Entschluss. Ein Instinkt. Barfuß im Sand. Nur der Wind sollte mich begleiten. 40 Minuten, bin gleich wieder da. Ein wunderbares Gefühl von Urlaub und Freiheit. Keine Sekunde überlegte ich die Folgen meiner Spontanität. Bis ich das Gesicht der Liebsten, die neben meinen Schlapfen stand, erblickte. Diese Mischung aus Fassungslosigkeit, Unruhe, Erleichterung. Mir wurde augenblicklich bewusst, dass ich einiges nicht bedacht hatte. Wie den Takt unserer Herzen, den Rhythmus unserer Gewohnheiten. Dessen unangekündigter Bruch böse berührend werden kann. Es tat mir leid. Und wir umarmten einander. Ganz fest. Wortlos. Liebend.

Solo-Programm „Abend mit einem Mannsbild“: 17. 10. Graz, 23. 10. Rothneusiedl, 4. 11. Kottingbrunn, 8. 11. Mödling, 17. 11. St. Pölten, 21. 11. und 12. 12. Wien (Studio Akzent)

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