Meinung | Kolumnen | Paaradox
26.03.2017

Unser Spülfilm

Maschine rennt. Aber was ist drin? Und wer spielt in „Geschirr & Gefühle“ die Hauptrolle?

Oh ja, der Weg zur Geschirrspülerweltherrschaft ist steinig und feucht.

Gabriele Kuhn | über die Szenen einer Redaktionsehe.

Sie

Und es trug sich zu, dass ich den Mann nebenan erneut dabei beobachten konnte, wie er den von mir tadellos befüllten Geschirrspüler komplett re-arrangierte. Ich tat das heimlich, aus einem idealen Blickwinkel des Wohnzimmers heraus, ich konnte ihn sehen, er mich nicht. Unbeobachtet wie er sich fühlte, verhielt er sich entsprechend. Da stand er mit einem Gesicht, das zunehmend die Farbe der sich im Geschirrspüler befindlichen tiefroten Eierbecher annahm. Er fuchtelte, wütete, fluchte: So was von vertrottelt. Darf das wahr sein? Diese Frau ist doch sonst ganz intelligent?!

Sein Schöpferwerk

Ich nahm mein Handy und blickte auf die Stoppuhr: Vier Minuten waren vergangen, doch er war mit seinem Schöpferwerk immer noch nicht fertig. Seit geraumer Zeit war er vor allem damit beschäftigt, vier Suppenschöpfer so im Inneren des Geschirrspülers zu verstauen, dass sie null Raum einnehmen. Als wäre es möglich, die Dinger zu dematerialisieren. Als handle es sich bei seinem Tun um einen Geheimauftrag einer Sekte, die die Weltherrschaft über das globale Geschirrspüler-Netz anpeilt: Hufnagl, übernehmen Sie! Daher atmete ich auf, als er den letzten der vier Stücke mit einem Wurscht jetzt! eher achtlos irgendwo hineinstopfte. Sodann schloss sich das Tor zur Hölle, und der Mann drückte auf den Knopf: Auftrag erfüllt, läuft! Pech nur, dass seine Strategie nicht weit genug gegangen war, die Schöpfer so geschickt zu arrangieren, dass sie sich nicht mit einem Mix aus Reis, Haferflockenresten und Schmuddelwasser füllen. Und sich der ganze Dreck nicht beim Ausräumen auf die Hosenbeine des Ausräumers nebenan ergießt. Oh ja, der Weg zur Geschirrspülerweltherrschaft ist steinig und feucht.

Paaradox-Auftritte: 28. 4. im Wiener Rabenhof, 10. 5. in Rothneusiedl (Rothneusiedlerhof)gabriele.kuhn@kurier.at

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Er

So eine eheliche Geschirrspüler-Diskrepanz mag nicht der Rede wert sein. Und schon gar nicht einer Kolumne. Aber seit fünf Jahren basteln gnä Kuhn und ich Paaradox-Texte, seit drei Jahren wagen wir uns mit diesen auf die Bühne, und ich schwöre: Nichts hat je mehr Resonanz erzeugt als das Aufeinanderprallen zweier Ordnungsprinzipien zum Einräumen und Schlichten von Töpfen und Tellern. Es scheint, als handle es sich nicht um eine Alltagsbanalität, sondern um einen Akt mit Eskalationsgarantie. Begleitet von argumentativen Dauerbrennern wie „Das darf einfach nicht wahr sein“, „Ich sage es jetzt bitte zum tausendsten Mal“ oder „Mir wurscht, mach’, wie du glaubst.“

Provokation

So oder so läuft vor meinem geistigen Auge stets der gleiche Horrorfilm ab. Ich sehe meine Frau, wie sie geradezu vorbildmäßig den Geschirrspüler befüllt, ehe sie plötzlich von geheimen Mächten befehligt innehält. Ihre Augen werden zu Sehschlitzen, der Mund spitzt sich, und die Verwandlung in ein diabolisches Wesen erzeugt Gänsehaut. Dann beginnt sie grausam grinsend, Gläser, Schüsseln und Schöpflöffel umzupositionieren. Bis die Platzvergeudung als Werk der Provokation vollendet ist. Mit jeder falsch verstauten Tasse folgt sie einer inneren Stimme, um mir eine infernalische Botschaft zu übermitteln. Credo: Wie oft kann ich Pfannen in der zweiten Etage stapeln und damit das Drehen des Spülmaschinenpropellers verhindern, ehe der Mann zu zucken beginnt? Leider weiß ich nicht, was mir die Arrangeurin des Grusels wirklich sagen will. Vielleicht einfach nur: „Schatz, für unsere Liebe ist das doch alles völlig geschirrelevant!“

Neu, Solo-Programm „Abend mit einem Mannsbild“, nächster Termin: 6. 4. in der Stadtgalerie Mödling (www.diestadtgalerie.at).

michael.hufnagl@kurier.at

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