Kolumnen | Paaradox
21.05.2017

Tage des Donners

Streitkultur. Die Themen der Dispute mögen sich ändern, die Wortmuster bleiben gleich.

Sie

Gewitter reinigen die Atmosphäre. Manchmal steigt auch bei uns die Spannung und dann: Zack. Bumm. Gestritten wird. Wobei das beim Mann nebenan und mir so ausschaut: Ich lasse die Fetzen fliegen und er tut zunächst so, als könne er diesen „primitiven“ Wutausbruch nicht verstehen. Er schaut mich dann an wie eine, die gerade vergessen hat, ihre Medikamente einzunehmen, mimt den Stoiker und lässt en passant so manchen Marc-Aurel-Sager einfließen, etwa: Ändere deine Ansichten und du hörst auf, dich zu beklagen. Das ist nichts anderes als die perfide Strategie eines Lächerlich-Machens, Motto: Na, haben Madame ein Stangerl Dynamit gefrühstückt? Oder hat Madame zu wenig Auslauf gehabt? Auf die Idee, dass Monsieur der Auslöser für den Madam’schen Unmut sein könnte, kommt er nicht.

Einsicht? Geh bitte!

Das bleibt auch so – denn Einsicht ist was, das im Best-of-Hufi-Ranking weit hinten rangiert. Also kommt irgendwann der Punkt, an dem er mich unterbricht und sagt: Jetzt pass einmal auf. Von da an hat ein eloquenter Mensch wie ich kaum Chancen, nochmals auf Argumentationslinie zu kommen. Da packt der Mit-Streithansl seine innere Kobra aus und spuckt Worte. Ich nenne das Dozententum, gerne auch „oberlehrerhaft“. Es ist der Versuch, die Kontrahentin kleinzuquargeln – mit scheinintellektuellen Argumenten und verschwurbelten Theorien. Der Plan dahinter ist klar: Der andere soll sich maximal blöd fühlen. Ich steh’ dann auf und frage: „Bist fertig, G’scheiter?“ Und weise ihn auf die dringend nötige Neuprogrammierung des Fernsehers hin. Dann wird es still.

Nächste Paaradox-Auftritte: 22. 6., 20 h bei KURIER-Nachtlese, Grelle Forelle, Donaukanal, 2. 7. Sommerzaubern in Leobersdorf, 23. 7. Wien (Summerstage), 17. 8. Linz ( Rosengarten)

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Er

Ich finde es z. B. extrem mühsam, gleich nach dem Aufstehen auf dem Frühstückstisch einen Kopfstand zu machen und dabei Kaffee zu trinken. Nun sollte man meinen, dass ich das zur Steigerung der Lebenqualität ja einfach unterlassen könnte, und ich würde diesen Einwand ehrlich gesagt als völlig berechtigt erachten. Sehr ähnlich verhält es sich mit Ehestreits. Auch die versuche ich mit Vorliebe zu vermeiden, weil die Wahrscheinlichkeit des Anpatzens ziemlich hoch ist. Wenn ich mich daher über gnä Kuhn ärgere, wähle ich oft einmal die Nacht des Drüberschlafens zur verlässlichen Deeskalation. Umgekehrt ist es leider nicht so, die Liebste wäre stattdessen die Idealbesetzung für eine Obfrau des Vereins „Was raus muss, muss raus, und das sofort!“ In Folge ist sie dann jedoch verwundert, dass ich nicht gesenkten Hauptes sage „Schatz, du hast ja so recht“ und „Schatz, ich bin echt so dankbar, dass du mich Kraft deiner Weisheit so ausufernd auf meine Defizite hinweist.“

Vorhersehbarkeit

Und so nimmt das spitzfindige Gestalten unterschiedlicher Wahrnehmungen und Erwartungen rasch seinen mehr oder weniger lautstarken Lauf. Im Zuge dieses vorhersehbaren Polemikados halten sich Überraschungseffekte allerdings in Grenzen, man kennt einander ja schon ein Zeiterl. Und das ist auch der einzige Grund, warum ich tatsächlich bemüht bin, mich an Oscar Wilde zu halten, der gesagt hat: „Ich bin gern der Einzige, der redet – das spart Zeit und verhindert Streitereien.“ Meine Frau fällt mir aber eh mit Leidenschaft ins Wort und sagt Dinge wie: „Es geht doch bitte nicht ums Rechthaben.“ Spätestens dann lachen wir beide.

Solo-Programm „Abend mit einem Mannsbild“, nächste Termine: 23. 6. Wien (Studio Akzent).

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