© Jeff Mangione

über die Szenen einer Redaktionsehe.
10/26/2014

So ein Jammer(n)!

Strategie oder Seelenhygiene: Warum er jammert und sie darüber schimpft.

von Gabriele Kuhn, Michael Hufnagl

Manche Menschen tun sich so laut leid, dass es bis nach Papua Neuguinea hörbar ist.

Gabriele Kuhn | über die Szenen einer Redaktionsehe.

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Sie

Jott wie Jammern. Welch ein unerschöpfliches Thema. Dazu habe ich etwas aufgeschnappt. Nämlich, dass es „unterschiedliche Jammer-Techniken“ gäbe, wie Psychologen erläutern. Manche Menschen tun sich so laut leid, dass es bis nach Papua Neuguinea hörbar ist. Andere wiederum leiden so stumm, dass es zwar niemand akustisch mitkriegt, aber jeder sehen kann. In der Sekunde war ich mitten im Kopf-Kino-Film mit dem Titel „Schicksalsjahre eines Michis“. Alle seine großen und kleinen Jammermomente fusionierten zu einem Epos mit Schluchzgarantie. Zumal der Mann nebenan die Klaviatur des Selbstmitleids perfekt beherrscht. Dazu kommt: Er hat beide Jammer-Techniken intus – je nach Lage der Liebes-Nation. Vom subtil-stillen Heute will nicht schon wieder ich die Semmerln holen-Geleiere bis hin zum exaltierten Ich hab’s bis ganz ganz oben, dass ich immer der Hausdolm sein muss, der am Sonntag zur Tankstelle fährt, weil du wieder einmal vergessen hast, Klopapier zu kaufen.

Offenheit oder Perfidie?

Nun, vermutlich macht er das alles nur wegen seiner großen „Selbstenthüllungsbereitschaft“. Das ist – so die Seelenexperten – eine Form von Offenheit, sich und seine Seelenlage zu zeigen. Motto: Schau, so schlecht geht’s mir – und: Du bist daran schuld! Oft einmal würden sich dahinter aber nur subtile Hilferufe verbergen – und völlig andere Botschaften. Eine jämmerliche Strategie, wie ich meine. Wir sind erwachsen, wir können reden. Nur so ein Beispiel: Wenn ein Mann mehr Streicheleinheiten haben möchte, soll er das gefälligst nicht mit einem „Pfuh, den Mistkübel muss ich jetzt auch noch raustragen“ verschlüsseln, sondern schlicht sagen: „Schatzi, wie warats mit ein bissi öfter kopfkraulen?“ Dann kann er ja trotzdem den Mistkübel raustragen und nachher krault er mich. Aus meiner Sicht die klassische Win-Win-Situation.

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Twitter: @GabrieleKuhn

Er

In mir regt sich ja ein schon lange ein Verdacht: Der einzige Grund, warum meine Frau nicht will, dass ich herumjammere ist, dass sie das Herumjammerexklusivrecht für sich in Anspruch nimmt. Heißt: Sie jammert nicht nur in Anbetracht der üblichen für sie maßgeschneiderten Anlässe (das Wetter ist schlecht, der Tisch ist angeräumt, das Kind bockt), sondern mit Vorliebe auch stellvertretend. Und zwar für mich. Im Ablauf sieht das so aus, dass sie mit den Augen rollt, den Mund auf diese ganz spezielle Art schürzt und von mir nach mehr als vier Jahrzehnten gelebten Häferltums die ihrer Meinung nach überfällige buddhistische Gelassenheit einfordert. Meine Jammerei über dumme Straßenschleicher, dumme Textproduzenten oder dumme Äpfelnichtabwieger nervt sie so lange, bis ich wie aus heiterem Himmel beschließe, mich beinahe trotzig in Schweigen zu hüllen.

„Frechheit“

Das macht sie erst richtig nervös. Und es passiert folgendes: Ein Geldbetrag landet nicht auf unserem Konto. So weit, so schlecht, so normal (wer den schlampigen Überweisungskünstler kennt). Und ich rege ... mich nicht auf, sondern die obligatorische Erinnerung an. Aber sie! „So eine Frechheit“, sagt sie. Statt „Es wird nicht besser, wenn du mit einem roten Schädel herumläufst“. „Es ist wirklich jedes Mal dasselbe Scheißtheater“, sagt sie. Statt „Du merkst gar nicht mehr, was du mit deiner Flucherei für eine negative Atmosphäre erzeugst.“ Meinen stoisch vorgetragenen Hinweis auf ihre Jammerei (in der Fachsprache auch Keppelei genannt) und meinen entspannten Zugang zum Problem empfindet sie dann natürlich als Provokation. Ich muss also mitjammern, um den Ehestreit zu vermeiden. Und je impulsiver ich das tue, desto gelungener ist die Deeskalation. Dann sagt sie: „Wir sind irgendwie komisch.“ Und ich sage: „Ja, gut so.“

Twitter:@MHufnagl

Übrigens: Wir haben die „Szenen einer Redaktionsehe“ für die Bühne neu arrangiert. Zu sehen ist die Inszenierung am 10.11. und 27.11. im Wiener Rabenhof, www.rabenhoftheater.com.

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