Kolumnen | Paaradox
13.11.2016

Im Nacht-Klub

Ruhebedürfnisse: Schlaf gut – oder: seine und ihre Schlummer-Rolle.

Sie

Laut Wissenschaft sind Menschen entweder Nachtigallen oder Eulen – je nachdem, wann sie gerne aufstehen bzw. schlafen gehen. Ich bin eine Nachtigeule – ich gehe maximal früh ins Bett, um maximal lang zu schlummern. Das unterscheidet mich vom Uhu nebenan, der jeden Abend gähnend sagt "Pfuh, heut’ muss ich bald ins Bett", um dann erst wieder bis weit nach Mitternacht herumzugeistern.

Knarzen, knacksen, schlurfen

Apropos geistern: Das passiert nicht als „Häuptling Leise Sohle“. Sein Tun aus der Reihe präsenile Bettflucht fällt eher in die 3-L-Kategorie „Laut, lästig, lässlich“. Da wird gegruschelt und geknarzt, dass man sich als Mitschläferin akute Schwerhörigkeit herbeisehnt. Erst unlängst wieder, zu den US-Wahlen. Mit einem "Das schaff ich nicht, ich muss schlafen" entließ er mich gegen 1 Uhr früh aus seinem langatmigen Polit-Monolog. Zwei Minuten später lagen wir im Bett. Er: Licht aus, seufzen, gruscheln. Handy an, tippen, wischen – und: Fußknacksen. Also allerhöchste Mann-nebenan-Unruhe-Alarmstufe. Ich: "Was is los?" Er: "Nix, ich schau nur was." Handy aus, Seufzen. Gruscheln, Knacksen. Wälzen! Aufspringen! Poltergeist wieselt ins Wohnzimmer. TV-Lärm. Ich, hinterher: "Is was?" Er: "Nix, ich schau nur." Ich: "Aber nimmer lang, ich muss dringend schlafen." Ich entschlummere, doch da – eine Erschütterung! Der ermattete Poltergeist donnert ins Bett. Stille – aber leider nur kurz. Rascheln, Seufzen, Knacksen, Gruscheln. Das Handy leuchtet. Ich: "Was ist jetzt wieder?" Er: "Nix, ich hab nur Durst." Ich frage, ob das Smartphone das neue Wasserglas sei und lege ihm eine Nacht im Arbeitszimmer ans Herz. Er verspricht Ruhe, bleibt aber mein unerbittlicher Live-Ticker bis zum Morgen-Grauen. Und sein Knacks-Seufz-Gruschel-Code sagt mehr als 1000 Worte.

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Er

Nach Lektüre des kuhn’schen Textes fiel mir Thomas Bernhard ein, und der Theaterskandal um das Notlicht für die Salzburger Festspielaufführung „Der Ignorant und der Wahnsinnige“. Damals bestand der Autor auf einen Moment absoluter Dunkelheit im Saal. Diese war aber im Vorschriftsstaat Österreich feuerpolizeilich nicht durchzusetzen. Was der Autor so kommentierte: „Eine Gesellschaft, die zwei Minuten Finsternis nicht verträgt, kommt ohne mein Schauspiel aus“. Was Bernhard die absolute Dunkelheit war, ist meiner Frau die absolute Stille.

Horch doch!

Einer ihrer häufigsten Fragen, neben "Hast du schon (z. B. Winterreifen montieren lassen)?", "Wann wirst du (z. B. das Kastl reparieren)?" und "Michael?", lautet: "Hörst du das?" Ein sprachliches Alarmsignal, begleitet von einer nonverbalen Aufforderung zu völliger Regungslosigkeit. Oft passiert das, wenn fünf Gassen weiter ein Flaschencontainer geleert wird oder im Keller etwas „anders“ quietscht als sonst. Die Liebste hat ein feines Gehör – gepaart mit einer neurotischen Sehnsucht nach Ruhe. Das birgt Konfliktstoff. Man könnte sagen, ihr "Hörst du das?" macht mich narrisch. Klar produziere ich Lärm. Etwa, wenn ich mich nachts zudecke und zwecks Überlebenstrieb der Atmung hingebe. Oder wenn ich einmal in vier Jahren nachschaue, wer US-Präsident wird. Das ist für sie eine geradezu olympische Rücksichtslosigkeit. Damit muss ich leben. Denn auf manche ehelichen Diskrepanzen gibt es nun einmal keine andere Antwort als "Jo eh". Thomas Bernhard würde vielleicht noch hinzufügen: "Naturgemäß."

Unsere nächsten Paaradox-Auftritte: 21. 11. und 15. 12. im Wiener Rabenhof, 13. 12. in Mödling (Stadtgalerie), 31. 12. in Klosterneuburg (Babenbergerhalle, Silvester-Special). paaradox.at

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