Meinung | Kolumnen | Paaradox
28.01.2018

Hoppe, hoppe Streiter!

Manchmal reicht schon das falsche Brot für ein Schreiduell im Ehe-Ring.

Sein Anklage-Tsunami hatte weder Beistrich, Punkt noch Fragezeichen, sondern ausschließlich Zehnfach-Rufzeichen.

Gabriele Kuhn | über die Szenen einer Redaktionsehe.

Sie

Schönes Paar. So lieb. Eh. Sind wir. Aber nicht immer. Weil auch für uns gilt: Streiten? Das können wir! Zwar haben wir zwei schon einmal in Werken wie "Die Regenbogenstrategie. Streit vermeiden, Konflikte nachhaltig bewältigen" geblättert, aber der Idee "Ein Leben in mehr Harmonie zu führen" nur punktuell etwas abgewinnen können. Denn wenn ich – wie unlängst – finde, dass der Mann nebenan zu blöd sei, das richtige Brot zum richtigen Zeitpunkt zu kaufen und diese Anklage in A-Dur, wie Abwertung, packe, dann zerbröselt die Vision von der Nonstop-Harmonie zügig in ein explosives Mischmasch. Das oszilliert irgendwo zwischen italienischer Komödie, in der Teller mit Pasta fliegen, und Dantes Inferno, wo es dann kein Pardon mehr gibt.

Nur nicht ausreden lassen

Dieser Tage war es eher Letzteres, schließlich hatte ich mich in erwähntem Streitfall dazu entschieden, die Strategie "Infantile Theatralik" zu bemühen. Die besteht darin, mit meinem großen Schauferl erst seine Sandburg zu zerstören, um anschließend in ein Eck zu gehen und dramatisch zu weinen. Dazu mische man Anklagen in Form unfairer "Du-Sätze" sowie Begriffe wie "immer", "nie" und schließlich den alles toppenden Satz "Du liebst mich nicht mehr!" Er hingegen setzte auf den Schlachtplan "Nur net ausred’n lassen". Sein Anklage-Tsunami hatte weder Beistrich, Punkt noch Fragezeichen, sondern ausschließlich Zehnfach-Rufzeichen. Dazu nahm er 35 bis 50 Dekagramm vom Satz Geh bitte, das ist mir jetzt aber wirklich zu deppert. Wie es ausgegangen ist? Eins zu eins. Ein bisserl wie bei einem faden Match.

Lese-Termine: 24. 2. Klosterneuburg, 3. 3. Eisenstadt, 13. 4. Oberwaltersdorf, 19. 4. Rothneusiedlerhof, 8. 5. Perchtoldsdorf

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Er

Immer dann, wenn plötzlich Sätze wie "Das darf jetzt aber nicht wahr sein" oder "Bitte wie blöd muss jemand sein" oder "Nein, ständig das gleiche Theater" wie galliges Gift durch das gemeinsame Nest blubbern, steht in flammender Schrift am Firmament: Obacht! Denn in diesen Augenblicken wird klar, dass nun viele Worte folgen werden, die aber eher nicht "Ui, lustig" oder "Papperlapapp, ist ja egal" oder "Naja, Hauptsache wir sind alle gesund"lauten. Statt dessen wird gnä Kuhn in der roten Ecke sitzen und sich überlegen, wie sie in der nächsten Runde ihre harte Polemik-Gerade platziert. Während ich in der blauen Ecke darauf lauere, durch den Ring zu tänzeln, um meinen Zynismus-Haken zum Einsatz zu bringen.

Sieg nach Punkten

Im Zuge der Eskalation werden wir dann beide mehrfach den Dialog beenden, und zwar mit trainierten Formulierungen wie "Sinnlos, mit dir kann man nicht reden" oder "Aus jetzt, ich muss mir das nicht anhören" oder "Es ist besser, nix mehr zu sagen", um dann erst recht noch lauter zu werden. Und das einzige, was wir gemeinsam haben werden, ist die tiefe Überzeugung, im Besitz der Wahrheit, der Gerechtigkeit, der eigenen Unschuld und des nahenden Sieges nach Punkten zu sein. Am Ende werden wir wie immer alles gesagt haben, was lange schon schon gesagt werden musste, jedoch keine Ahnung haben, was der (lächerliche) Ursprung des Streits war. Ab dann geht es nur darum, wie wir uns ohne Gesichtsverlust auf ein Remis verständigen. Ehe wir die Versöhnung, die Lehren und unsere Liebe beschwören. Bis nur mehr eine Frage im Raum steht: Und wer holt jetzt den Wein?

Solo „Abend mit einem Mannsbild“: 2. 2. Wien, Studio Akzent, 4. 3. Wien (CasaNova). 7. 3. Graz (Casino). Termine: paaradox.at

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