Meinung | Kolumnen | Paaradox
11.06.2017

Getrennte Wege

Shopping-Idylle. Ihre Kleidersuche, seine Kleidersuche und der spezielle Austausch.

Zwei Stunden später schaute ich auf die Uhr.

Gabriele Kuhn | über die Szenen einer Redaktionsehe.

Sie

Manchmal ist’s besser, man trennt sich. Keine Sorge, der Ehering steckt noch am Finger, doch als der Mann nebenan samt Tochter und Ehefrau in die Stadt fuhr, um „dringend nötige Sachen“ zu besorgen, sprach er: Wir gehen jetzt getrennte Wege. Ich log: „Na geh, schade!“ Sodann stürzten wir uns ins Shopping-Getümmel.

Wo ist denn der Papa?

Zwei Stunden später schaute ich auf die Uhr und meinte: „Ui, wo ist der Papa?“ Und sah auf meinem Handy sechs versäumte Anrufe sowie ebenso viele Mailboxnachrichten. In Nachricht 1 kündigte er an, auch was kaufen zu wollen, nämlich T-Shirts und Hosen und so. In Nachricht 2 informierte er uns, dass er in einem Berg von T-Shirts und so stünde, es aber extrem nerve. Nachricht 3 hörte sich sehr missmutig an: Ich hasse es! Nachricht 4 klang wie der SOS-Ruf eines in Textilien Ertrinkenden: Ich habe jetzt 15 verschiedene Hemden probiert, nix passt. Bei Nachricht 5 dürfte er am Wiederwahl-Knopf angekommen sein, während er die Hemdenmodelle 16 bis 25 probierte. Die Aufzeichnung klang wie das Keuch-&-Stöhn-Protokoll jemandes, der von der T-Shirt-Mafia gequält wird. Via Nachricht 6 verkündete er seinen Wahlsieg: Drei Hemden! Jetzt Hosen probieren. Ich rief ihn an, er ächzte ins Telefon: Hier ist es wie in der Sauna. Wo seids Ihr? Ich fragte: „Brauchst du uns?“ Er antwortete: Ja, bitte. Also machten wir uns auf den Weg, um „El Pappo“ aka „Mann nebenan“ aus den Wirrnissen des Shopping-Dschungels zu befreien. Abends schlürften wir kühle Getränke, und die Damen lauschten seinen sehr ausführlichen Erzählungen aus dem Genre „Textilien-Chainsaw-Massaker in der Herrenmode-Abteilung“.

Paaradox-Auftritte: 22. 6., 20 h, Kurier Nachtlese, Grelle Forelle; 2. 7. Leobersdorf; 23. 7. Summerstage; 17. 8. Linz, Rosengarten

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Er

Der Autor Thomas Bernhard formulierte einst: "Die Hosenprobierzellen sind zu eng, in ihnen ist keine Luft. In den Hosenprobierzellen hat schon so viele der Schlag getroffen, fragen Sie doch die Kleiderinnung, die wird es Ihnen bestätigen. Die Leute gehen in ein Geschäft hinein und wollen nur eine Hose probieren und probieren naturgemäß sieben oder acht und es trifft sie der Schlag, der Kleiderhausprobierzellenschlag ist der häufigste.“ Ich kann seit Ewigkeiten keine Kleidung mehr kaufen, ohne daran zu denken, schon gar nicht im Sommer. Und ich werde nie, nie, nie begreifen, wie es sein kann, dass menschliche Wesen die Jagd auf G’wand tatsächlich zum Lustprinzip erklären.


Absurdes Theater

In diesem Fall war es noch viel schlimmer, weil ich in der Schwitzhütte im quälenden An-Aus-An-Aus-Modus nicht nur daran scheiterte, mich dem rettenden Om Mani Peme Hung (dem tibetischen Mantra des universellen Mitgefühls) zuzuwenden. Sondern, weil ich während dieses jenseitigen Aktes auch noch permanent Kontakt mit Frau und Tochter halten musste. Nur, die waren fröhlich. Es war ein absurdes Theater. Ich stand in zu enger Hosen wie ein verunglücktes Deko-Stück vor einem Spiegel, als eine SMS eintraf: Huhu, spazieren jetzt weiter, brauchen noch T-Shirts. Haben dich lieb. Bussi. Ich antwortete nur: Huhu hä? Bin am Limit, werde in Kürze vermutlich einen Kabinenvorhang aufessen. Die Liebste sendete mir ein Smiley, ich fluchte, und von draußen kam die Stimme: „Passt, der Herr?“ Ich: „Nix passt.“ Sie: „Wollen Sie eine andere Hose?“ Ich: „Ja, und ein anderes Leben.“ Sie: „Ui.“ Ich: „Das hätte jetzt von meiner Frau sein können.“

Solo-Programm „Abend mit einem Mannsbild“,nächster Termin: 23. 6. Wien (Studio Akzent)

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