Meinung | Kolumnen | Paaradox
03.12.2017

Frau Parksheriff

Kontrolle. Er ist der eheliche Auto-Pilot, aber sie besteht auf die Schärfe ihres Überblicks

38 Mal habe ich dann gesagt: " Kurzparkschein ausfüllen net vergess'n."

Gabriele Kuhn | über die Szenen einer Redaktionsehe.

Sie

Insgesamt 39 Mal sind wir mit unseren szenischen Paaradox-Lesungen im Wiener Rabenhoftheater aufgetreten. 39 Mal hat sich der Mann nebenan davor eingeparkt. 38 Mal bin ich als Beifahrerin ausgestiegen. 38 Mal habe ich dann gesagt: Kurzparkschein ausfüllen net vergess’n. Anfangs sagte er noch freundlich: Gut, dass du mich erinnerst. Irgendwann einmal aber schaute erst Richtung Himmel, dann auf mich, und sprach die Nuance lauter und leidenschaftlicher: „ICH WEISS ES SCHON!“ Um hinzuzufügen: Ich bin kein Schulbub, dem man dauernd sagen muss: kampeln, schnäuzen, Hosentürl zumachen. Ich bin schon groß.

Milde & Rüge

Ich erwiderte nur: Wennst glaubst. Um beim nächsten Rabenhoftheater-Parkraumbewirtschaftungsmanöver erneut zu hauchen: Kurzparkschein ausfüllen, net vergess’n. Allerdings fügte ich dem Satz was hinzu, wie etwa ein Liebling. Oder ein Ich weiß, dass du eh von alleine daran denken wirst, aber ... Oder, als Einschub ein mein Meister, sodass der ganze Satz dann so klang: Kurzparkschein ausfüllen, mein Meister, nicht vergessen. Innerlich war ich allerdings ein Ganzkörper-Gnihihi. Und dann kam Vorstellung Nr. 39, die Dernière, wie man im Theaterjargon so sagt. Ein Hauch Sentiment lag in der Luft – und, von meiner Seite – Milde. Ich stieg aus dem Auto – und sagte: nichts. Als wir gegen ein Uhr Früh, nach dem Kehraus mit Team und Theaterdirektor, ins Auto stiegen, steckte eine Parkraumbewirtschaftsrüge, auch Strafmandat genannt, hinter dem Scheibenwischer. Ui, ich hab’ den Kurzparkschein vergessen, sprach der Mann nebenan. Ich sagte nur: Ja, ich weiß. Und es war mir wunderbar wurscht.

Nächste Lesung: 7. und 8. 12., Klosterneuburg, Wilheringerhof

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Er

Manchmal glaube ich tatsächlich, dass es für gnä Kuhn keine schöneren Sätze gibt als „Na bitte, was habe ich dir gesagt?“ oder „Du solltest vielleicht ein bisserl öfter auf mich hören!“ Gefühlsmäßig ist ihr eheliches Sprachschatz-Repertoire niemals so groß wie im Fall persönlicher Genugtuung. Denn ganz sicher weiß kein Mensch auf diesem Planeten im Nachhinein so viel besser als die Liebste an meiner Seite. Ein Umstand, der besonders dann seine Blütenpracht entfaltet, wenn wir im Auto sitzen. Was vor allem daran liegt, dass ich für alle gemeinsamen Ausflüge (ich buchstabiere a, l, l, e!) die Chauffeur-Verantwortung trage. Die vielen Gründe dafür will ich an dieser Stelle aussparen, nur so viel: Die Pflege des Eingangsgedankens meiner Kolumne könnte allenfalls auch eine Rolle spielen.

Profi-Pilot

Faktum ist, meine Frau weiß (im Gegensatz zu mir Geisterl) nicht nur grundsätzlich, wo es im Leben langgeht, sondern sie weiß es als Beifahrerin mit Vorliebe im Stakkato. Sie sagt mir, wenn die Ampel grün wird, wenn von rechts wer kommt, oder wenn es zu schneien beginnt, und sie gibt zu jeder Zeit – selbstverständlich unaufgefordert – Auskunft über Parkverbote, Tempolimits und die vielen Unzulänglichkeiten des Navis („Das blöde Ding kennt sich null aus, vertrau’ lieber mir!“). Aber als Profi-Pilot habe ich natürlich längst zweierlei gelernt: 1. Selektives Zuhören. 2. Den in demonstrativer Gelassenheit vorgetragenen Satz „Nun denn, ich fahre jetzt auf einen Parkplatz und übergebe an Frau Oberg’scheit.“ Dann verdreht sie zwar die Augen, aber es ist eine Zeit lang Ruhe. Und die ist mir gelegentlich sogar ein Strafmandat wert.

Solo-Programm „Abend mit einem Mannsbild“: 12. 12. Wien (Studio Akzent)

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