Meinung | Kolumnen | Paaradox
16.04.2017

Einfach sagenhaft

Dialogkultur. Über die eheliche Kunst, wortreich nichts zu besprechen.

Nahezu jeder Ehestreit beginnt mit einer Petitesse.

Gabriele Kuhn | über die Szenen einer Redaktionsehe.

Sie

Ich war bis ins Innerste meiner Seele erschüttert. Diese Erkenntnis! Man kann nur zutiefst dankbar sein, dass Victoria Beckham das Geheimnis ihrer 18-jährigen Ehe mit uns teilt. Das da lautet: „Manchmal reden wir einfach nur.“ Ja, ja, die Beckhams haben mit den Hufnagls etwas gemeinsam. Denn auch wir reden sehr oft „einfach nur“.

Sag was!

Etwa so – ich: „Jetzt sag doch endlich was dazu!“ Er: Was soll ich sagen, es ist doch schon alles gesagt. Ich: „Stimmt gar nicht, du glaubst nur, es sei alles gesagt." Er: Was heißt das jetzt wieder, ich glaub nur, es sei alles gesagt? Ich werde nix sagen, nur weil du meinst, ich soll was sagen. Ich: „Blödsinn. Immer muss ich alles sagen, du tust so, als gäbe es nie was zum Sagen.“ Er: Das sagst du nur so. In Wirklichkeit zwingst du mir auf, dass ich permanent was sagen soll. Sag was! Sag was! Sag was! Hast du eine Ahnung, wie das nervt? Ich: „Okay, wie du glaubst. Dann sage ich halt nie mehr wieder was.“ Er: Das hast du schon sooo oft gesagt. Aber weil du dann doch sehr bald wieder was sagst, sage ich dir jetzt was: Das glaubt dir kein Mensch!

Schweigen (aber nur kurz). Ja, es tut gut, Dinge auszudiskutieren. Dieser Tage etwa, wo es um die Wahl des richtigen Outfits für diese feine Gala ging. Ich: „Meinst, kann ich das Abendkleid vom Vorjahr nochmals anziehen?“ Er: Sicher. Glaubst, es erinnert sich irgendjemand, was du im Vorjahr anhattest? Ich: „Aha, damit meinst du, dass mich Grammel eh keiner mehr anschaut. Aber dich , Mister Universum, schon, gell?“ Er: Net schon wieder dieselbe Diskussion! Ich: „Okay, dann kauf ich mir eben was Neues.“ Er: Ja, bitte. Fazit: Bingo, es geht im Grunde nichts über sinnlose Diskussionen.

Paaradox-Auftritte: 28. 4., 13.5. im Wiener Rabenhof, 10. 5. im Rothneusiedlerhof.

gabriele.kuhn@kurier.at

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Er

Da es zu allem eine Studie gibt, bin ich sicher, dass auch Folgendes belegt ist: Nahezu jeder Ehestreit beginnt mit einer Petitesse. Am Anfang steht eine pointierte Bemerkung über die Jogginghose der Nachbarin, am Ende gipfelt der Dialog nach einer kurzen Beschleunigungsphase in der Diskussion über ein Abendkleid. Im Zuge derer alle Vorwürfe erklingen, die sie und er nach jahrelangem Training perfekt auswendig aufsagen können. Im konkreten Fall ertönte dann bald einer meiner Lieblingssätze, die gnä Kuhn in der Hitze des Wortgefechts gerne entfleuchen: „Dann sage ich halt nie mehr wieder was.“

Wenn ich das höre, empfinde ich vor allem eines: echte Bewunderung. Denn meine Frau schafft es, so eine Drohung zu formulieren, ohne vor lachen loszuprusten. Wiewohl der Gedanke, dass ausgerechnet sie, die mir sogar während ihrer Tiefschlafphase meine Irrtümer fehlerfrei aufzählen könnte, zur großen Schweigerin wird, allerfeinste Humorkunst ist.

Die Fetzenfrage

Dabei ging es lediglich um die Frage, ob sie ein Abendkleid nach einem Jahr ein zweites Mal ausführen könnte. Und ich sagte: „Klar!“ Was auch daran lag, dass ich die Frage gar nicht verstand. Daher führte ich aus: „Ehrlich, könntest du mir hier und jetzt sagen, welchen Fetzen die X, die Y oder die Z bei der letzten Gala trug?“ Da tat die Liebste so, als würde sie nachdenken, und ich nutze die Pause: „Eben. Und umgekehrt ist es genauso.“ In Wahrheit hatte sie zu diesem Zeitpunkt längst einen Entschluss (neues Kleid kaufen) gefasst. Einerlei, wie ich die knifflige Outfit-Situation einschätze. Genau deshalb ist es mitunter ausreichend, einfach nur nichts zu sagen.

Solo-Programm „Abend mit einem Mannsbild“, nächste Termine: 18. 5., 23. 6. Wien (Studio Akzent), 19. 5., 20. 5. Klosterneuburg.

michael.hufnagl@kurier.at

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