Meinung | Kolumnen | Paaradox
20.08.2017

Ein Kasterl muss her!

Verkleidung. Eine Diskussion über Ästhetik ist das richtige Dressing für den Kabelsalat

Seit zehn Jahren also schmiedet er den ganz großen Plan für ein sehr kleines Kasterl.

Gabriele Kuhn | über die Szenen einer Redaktionsehe.

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Es ist eh erst zehn Jahre her, als dieses rundum hässliche Provisorium vom Mann nebenan installiert wurde, um Geräte wie den DVD-Player samt Kabelsalat zu verstauen. Seit zehn Jahren also wird bei uns darüber gesprochen, dass das "ordentlich gemacht" gehört. Seit zehn Jahren finden daher Dialoge wie diese statt – ich: "Bitte wann kommt dieses elende Ding endlich weg? Und der verlurchte Kabelknödel hinter dem Ding?" Er: Bis ich eine Idee hab.

Geniale Lösung

Es ist nämlich so, dass er besessen ist von dem Gedanken, für dieses Möbelchen eine von ihm ersonnene gigantomanische Bastellösung zu kreieren, über die jeder staunen würde. Das mach ich schon, das wird superschön, sagte er jedes zweite Jahr. Seit zehn Jahren also schmiedet er den ganz großen Plan für ein sehr kleines Kasterl. Oh Wunder! Keine Ahnung, ob es an der partiellen Mondfinsternis lag, aber irgendein himmlisches Ereignis muss es gewesen sein, das ihm die Eingebung schickte und er es endlich tat. Vielleicht lag es auch daran, dass wir den 10. Geburtstag des Un-Dings mit einem Streit begangen hatten, in dem ich ihm androhte, ihn in einen VHS-Heimwerkerkurs einschreiben zu lassen. Plötzlich lag er vor mir, dieser Plan, dieser "ganz große Hufnagl’sche Entwurf", wie er sagte. Ich konnte nicht erkennen, was daran "ganz groß" war, aber bitte. Immerhin hatte er fünf dunkle Stunden darüber gebrütet. Kurz bevor er aufbrach, um alle Utensilien dafür einzukaufen, verdunkelte sich sein Blick: Äh, blöd das geht nicht, ich muss da irgendwie Einbuchtungen für die Kabel machen. Da brauch ich eine Stichsäge. Damit fing das Drama erst an – ich kann nur sagen: Bleiben Sie dran.

Lesekabarett wieder im Herbst, alle Termine: www.paaradox.at

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Das wahre Problem liegt in der Grundsätzlichkeit verschiedener Sichtweisen. Dabei handelt es sich wohl um das älteste Ehegesetz von allen. Meine Frau etwa stört die Optik einer Hose am Handtuchhaken, einer am Esstisch liegenden Zeitung, oder eines Zierpolsterhaufens im Sofaeck. Alles das ist mir wiederum als Anmutung nicht nur völlig blunz’n, ich sehe es in Wahrheit gar nicht. Was gnä Kuhn jedoch seit sehr vielen Jahren nicht an der Frage hindert: "Sag’, fällt dir nicht auf, wie unmöglich das ausschaut?" Nein, eher empfinde ich den Wäscheständer auf der sommerlichen Terrasse als ästhetische Beleidigung. Der wesentliche Unterscheid zwischen uns ist nur: Ich melde diese Irritation meines Auges nicht, um mir jede Diskussion über alternative Trocknungskonzepte zu ersparen.

Designer am Werk

Unter dieser Prämisse ist auch erwähntes Kasterl unter dem TV-Apparat zu betrachten. Den Kabelsalat, der sich aus der Dichte technischer Geräte ergibt, sieht nämlich nur, wer von der Seite aus einem speziellen Winkel hinter die Fassade blickt. Das kann man natürlich machen. Man muss aber nicht. Leider ist die Liebste eine jener Frauen, die nicht nur bei jeder Gelegenheit ihren Fokus auf den Turmbau zu Kabel richtet, sondern auch den Vorwurf ("so schiach") sowie das Flehen um einen architektonischen Eingriff gebetsmühlenartig wiederholt. Und kaum erkläre ich mich zur innovativen Designertat bereit, schüttelt sie einen unbrauchbaren Tipp nach dem anderen aus dem Ärmel – Motto: "Das kann ja net so schwer sein." Ist es auch nicht. Mit einem guten Plan. Dem richtigen Werkzeug. Und einer Frau mit dem Mut zur Stille.

Solo-Programm „Abend mit einem Mannsbild“ wieder im Herbst: u. a. 23. 10. Rothneusiedl, 4. 11. Kottingbrunn, 8. 11. Mödling

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