Meinung | Kolumnen | Paaradox
23.07.2017

Diagnose: Kaputt

Dienstverweigerung. Der Geschirrspüler gibt den Geist auf, Spannung macht sich breit.

Zur Abrundung des Katastrophenszenarios hat er dreckiges Geschirr zum Mahnmal gestapelt

Gabriele Kuhn | über die Szenen einer Redaktionsehe.

Sie

Der Mann nebenan ist vieles, vor allem aber: Übertreibungsspezialist (Copyright: Thomas Bernhard). Seine geistige Heimat ist der Sturm im Wasserglas, sein Markenzeichen der Superlativ, sein Kumpel jene Mücke, die einst zu ihm sprach: "Hallo du, bring mich groß raus, ich will Elefant sein." Aktuellstes Beispiel: unser kaputter Geschirrspüler. An sich keine große Sache, doch bei ihm ein Drama in mehreren Teilen. Drama, Teil 1: Ich komme abends heim, der Mann nebenan befindet sich im Zustand partieller Auflösung.

Schicksal & Symphonie

Sein Shirt ist durchschwitzt, die Gesichtsfarbe geht ins Rotviolettzornige. Zur Abrundung des Katastrophenszenarios hat er dreckiges Geschirr zum Mahnmal gestapelt, dazu wummert Beethovens Fünfte. Er wimmert: Es ist vermutlich die Pumpe. Ich erzähle einen Witz: „Wie repariert man seinen Geschirrspüler? Man tritt ihn in den Hintern.“ Schweigen. Erneut versuche ich, der Schicksalssymphonie eine leichte Note entgegenzusetzen: „Vielleicht ist nur der Filter verstopft.“ Schweigen, dann er: "G’scheiterl. Glaubst, ich kraxel halb in das Gerät, um mit mir selbst verstecken zu spielen? Ist er nicht!" Tatatatammmmm. Beethoven wummert weiter. Drama, Teil 2: Der Übertreibungsspezialist beginnt in der Lade mit den Gebrauchsanweisungen zu wühlen, jene – aus seiner Sicht – "599 Unterlagen für Geräte, die wir alle längst nicht mehr besitzen, völlig sinnlose Geräte, Geräte, die nie jemand gebraucht hat und nie jemand brauchen wird." Er ist sich sicher, dass das Geschirrspüler-Manual garantiert das 600. sein wird, also: unauffindbar. Ich seufze: „Geh, Schatzi ...“ Er tritt schnaufend ab. Drama, Teil 3 & 4: nächste Woche!

Auftritte: Heute, 23. 7., Summerstage; 17. 8. Linz, Rosengarten.

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Er

Nur damit das eheliche Bild in der richtigen Schärfe sichtbar wird: Die Liebste verabschiedet sich stets des Morgens Richtung Büro, wo sie unbehelligt ihr Werk erschaffen kann. Nichts stört ihr Tun, nur von einem frech flatternden Vöglein, das sich einst in die Räume der Redaktion verirrt hatte, wird gerne berichtet – als Beweis dafür, dass auch beim Kurier schon die Ablenkung Einzug hielt. Des Abends kehrt die Holde zurück und erwartet mit einem zarten Hauch von In-Wahrheit-eh-wurscht meinen Tagesbericht. Wiewohl die Abenteuer eines Home-Office-Autors von mäßigem Unterhaltungswert sind. Es sei denn, man betrachtet permanente Unterbrechungen als Erlebnis. Tatsache ist: Ich spaziere mit dem Hund, hole das kranke Kind, empfange Handwerker, Rauchfangkehrer, Spediteure und Spendensammler, zeige Haustechnikern den Weg, gehe „schnell was“ einkaufen, nehme Packerln (die nie für mich sind) entgegen, rette regenbedrohte Garten-Sitzpölster, unterhalte Nachbarskinder, die ihren Schlüssel vergessen haben, usw.

Getue

Und wenn dann eines Freitags nachmittags (wann sonst?) plötzlich auch noch der Geschirrspüler den Geist aufgibt, dann darf einem durchaus ein ehrliches „So a Schas“ entfleuchen. Das wiederum empfindet gnä Kuhn als „übertriebenes Getue“ und denkt, ihre spontanen Reparatur-Tipps könnten Frohsinn in mein Antlitz zaubern ... und nicht dessen Gegenteil. In der Lade für Gebrauchsanweisungen finde ich jedenfalls nur 180-seitige in 17 Sprachen verfasste Anleitungen für Gemüsesaftpressen sowie die Erkenntnis: Das Leben ist nicht gerecht. Wissend: Die echten Prüfungen kommen erst.

Solo-Programm „Abend mit einem Mannsbild“ wieder im Herbst: 6. 10. Großrußbach, 10. und 11. 10. Schwechat, 17. 10. Graz

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