Meinung | Kolumnen | Paaradox
16.07.2017

Ein Fall von Blabla

Redefreizeit. Sie lebt die Faktentreue, er dichtet gerne um – und wird so zum Held.

Dabei ist erstaunlich, wie sich die Mann-nebenan-Mythen über die Jahre hinweg wandeln.

Gabriele Kuhn | über die Szenen einer Redaktionsehe.

Sie

Und aus! Das ist einer jener Zwei-Wort-Sätze, die ich gerne – obwohl beziehungspolitisch eher unkorrekt – in die Runde brüllen würde, wenn der Mann nebenan erzählerisch wieder einmal episch ausufert. Das tut er mit Vorliebe, das tut er oft – da folgt er der altgriechischen Tradition jener Dichter, die nach dem Motto „Die Sage lebt“ agierten. Heißt: Er schafft weiter an seinen Geschichten, baut sie aus und um – so lange, bis alle köstlich-köstlich! rufen. Epen handeln bekanntlich von bedeutenden Ereignissen, bei denen oft Götter (immer er) oder Helden (ebenfalls immer er) im Mittelpunkt stehen, siehe auch: Mythos..

Ein Superheld räumt auf

Dabei ist erstaunlich, wie sich die Mann-nebenan-Mythen über die Jahre hinweg wandeln – sie gewinnen an Dramatik und driften stets ins „Ein Superheld räumt auf“-Genre. Oder aber sie werden immer „lustiger“ (die Anführungszeichen sind kein Zufall), weil er hofft, dass er das p.t. Publikum damit in die Dieser-Mann-ist-eine-Rampensau-Ekstase quatscht. Was sich ebenfalls verändert: die Rollenverteilung der Protagonisten. In der Nacherzählung diverser Ereignisse, in denen er in der Urfassung eine Statistenrolle spielte, mutiert er mehr und mehr zur schillernden Hauptfigur. Während andere Beteiligte (ich, zum Beispiel) einfach weggedichtet werden. Wenn ich dann seinen „Ich-hör-mir-so-gern-selbst-beim-Reden-zu-Monolog“ mit einem „Hallo? So war das aber nicht!“ unterbreche, statuiert er nur ein Lass mich bitte ausreden und legt ein „Hebbel“-Zitat drauf: Monologe sind Atemzüge der Seele. Wozu mir nix mehr einfällt, außer: „Die Welt ist ein Irrenhaus und hier ist die Zentrale.“

Auftritte: 23. 7., Summerstage; 17. 8. Linz, Rosengarten.

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Er

Wir müssen da gar nicht lange herumreden, in langjährigen Partnerschaften geht es stets auch darum, wer die besseren Geschichten des Lebens auf Lager hat. Das Urteil spricht am Ende freilich immer das Publikum, also Verwandte, Freunde, Bekannte. So weit, so eh. Tückischer wird es, wenn die Bewertung des Erzählstils auf der Agenda steht. Dass gnä Kuhn jenes Faible für Monologe besitzt, das dem meinen um nichts nachsteht, setze ich an dieser Stelle als Wissen voraus. Wer die Kolumne auch nur einigermaßen regelmäßig verfolgt, wird erahnen, wie sehr die Liebste auch mit größter Leidenschaft ihre Wortlawinen auf das Zuhörervolk herabdonnern lässt.

Zur Sache

Es ist nur so: Meine Frau schildert einen Tatbestand bevorzugt so, wie er sich de facto ereignet hat. Das mag zwar beim ersten Vernehmen unterhaltsam sein, allenfalls auch noch beim zweiten. Die Krux des Ehemann-Daseins ist es aber, dieselbe G’schicht bei jeder Gelegenheit aufs Neue hören zu müs ... zu dürfen. Inklusive jener vielen Details, die ich als Erzähler schon beim ersten Mal weggelassen hätte. Aber wehe, ich fordere dezent höheres Palaver-Tempo und mehr Zug zum Pointen-Tor ein („Zur Sache, Schätzchen!“). Dann ernte ich Augenrollen, wegwerfende Handbewegungen, Sätze wie Da redet der Richtige oder giftige Kolumnen. Und das nur, weil ich ab und zu aus purer Empathie künstlerisch wertvolle Adaptionen vornehme und meine Ausführungen mit bunten Wortgirlanden veredle. Meine Frau findet jedoch „Finessen statt Fakten“ völlig unangebracht. Als wäre nicht genau dieses Credo die Basis ihrer Paaradox-Texte.

Solo-Programm „Abend mit einem Mannsbild“ wieder im Herbst: u. a. 23. 10. Rothneusiedl, 4. 11. Kottingbrunn, 8. 11. Mödling

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