Meinung | Kolumnen | Paaradox
13.08.2017

Eile und Weile

Flughafenstress. Zeitreserve ist ihr Ruhekissen, auf dem er verlässlich herumtrampelt.

Er müsste mit mir zur Strafe in einen Kreativurlaub fahren.

Gabriele Kuhn | über die Szenen einer Redaktionsehe.

Sie

So ein Urlaub ist etwas Heiteres, nur der Weg dahin erweist sich oft als mühsam. Vor allem, wenn man mit jemandem reist, der sich nicht vor Quallen oder durchgelegenen Hotelmatratzen fürchtet, sondern vor einer Frau, die ihm vorab Fragen stellt. Der Mann nebenan hasst nichts mehr als Sätze wie "Hast du eh schon online eingecheckt?" "Hast du eh schon das Flughafen-Taxi bestellt?" "Hast du eh geschaut, ob der Pass noch gültig ist?" Da zuckt er zusammen, der von Zeit und Raum losgelöste Weltenbummler, und fühlt sich bedrängt.

Merkt eh keiner...

„Man reist ja nicht, um anzukommen, sondern um zu reisen“, zitiert er Goethe. Angesichts überfüllter Sommer-Airports hätte der Dichter es eher so formuliert: „Man reist nicht, um anzukommen, sondern um Leuten in Hawaiihemden zuzusehen, wie sie vor dem Abflug ein paar Jägermeister zwitschern“. Zurück zum Mann nebenan, der das Taxi für einen Flug um 5.50 Uhr früh gerne so knapp bestellt, dass der Fahrer fragt: „Ihr Flug geht eh erst um sieben?“ Der angesichts eines Passes, der abgelaufen ist, gerne sagen würde: "Wurscht, merkt eh keiner", und es nur deshalb nicht sagt, weil er weiß, dass er mit mir dann zur Strafe in einen Kreativurlaub mit Schwerpunkt „Byzantinische Ikonenmalerei“ fahren müsste. Und der ausnahmslos immer lässig letzter beim Boarding sein will, aber dann schnell noch Lulu muss und im Bauch des Airports abtaucht. Während ich im Flieger sitze und hoffe, dass ihm vor dem WC-Spiegel nicht einfällt, er müsse, ui, sein Wimmerl am Hirn ausdrücken und das auf Facebook posten. Deshalb halte ich es mit Paul Theroux, der schrieb: „Reisen ist nur im Rückblick eine glamouröse Angelegenheit“.

Weitere Auftritte: 17. 8. Linz, Rosengarten, www.paaradox.at

gabriele.kuhnfacebook.com/GabrieleKuhn60

Er

Der Beginn einer Urlaubsreise ist im Grunde auch nichts anderes als das Verfassen dieser Kolumne. Während die Liebste ihren Sonntagszeitungstext schon verlässlich am Dienstag ins KURIER-System einpflegt, kann es bei mir durchaus Freitag werden. Mitunter nähere ich mich sogar wagemutig der – ach so gefürchteten – Deadline. Das macht die Hohepriesterin der Rechtzeitigkeit wahnsinnig, weshalb ich erst recht Sachen sage wie: „Schatz, es ist sich immer noch alles ausgegangen.“

Lieber lungern

In diesem Sinne wäre gnä Kuhn auch gerne vier Stunden vor Abflug auf dem Flughafen, um ihrem Versäumnisangstcredo „Man weiß ja nie“ gerecht zu werden. Was zur Folge hat, dass sie lieber eine gefühlte Ewigkeit im Wartebereich des Gates herumlungert, als mit mir entspannt in einem der Lokale am Vorfreude-Kaffee zu nippen. Und das nur, weil sie ihr Trauma nicht besiegen kann. Denn vor einigen Jahren eilte sie schon voraus, während ich in aller Gelassenheit die übliche Tour Zeitungsshop – Duty Free – Toilette – Croissantverkostung absolvierte. Und prompt erklang der Aufruf: „Herr Michael Hufnagl, gebucht auf wasweißich, wird unverzüglich zu Flugsteig dingsbums gebeten“. Halleluja, mehr hab’ ich nicht gebraucht. Das Gesicht meiner zappelnden Frau sah aus, als hätte man sie versehentlich in der Zweisterne-Pension „Zur listigen Qualle“ („... und wo ist hier ungefähr das Meer?“) untergebracht. An meinem launigen „Upsi“ kaute sie dann bis zum ersten Strandspaziergang. Albert Camus schrieb: „Das Reisen führt uns zu uns zurück.“ Wohin auch immer, mag sein – meine Frau ist sicher schon da.

Solo-Programm „Abend mit einem Mannsbild“ wieder im Herbst: u. a. 23. 10. Rothneusiedl, 4. 11. Kottingbrunn, 8. 11. Mödling

michael.hufnagl@kurier.at

facebook.com/michael.hufnagl.9