Paaradox: Laster-Fahndung

© Illustration: Andrea Kritzmanich

Meinung Kolumnen Paaradox
08/25/2012

Paaradox: Die Tage der Trennung

Szenen einer Redaktionsehe.

Sie

Ich fühle mich im Moment gerade von Ehe-Ratgebern umzingelt. Illustrierte verraten das "Geheimnis des Eheglücks". Wissenschaftsmagazine covern mit "Die Biochemie der Treue". Im Urlaub lesen anscheinend alle entweder "Fifty Shades of Grey" (Besteller zum Thema sexuelle Unterwerfung). Oder "Nimm’s bitte nicht persönlich: Der gelassene Umgang mit Kränkungen". Und die Tante einer Freundin von mir macht sich überhaupt Sorgen: "Also, was ihr da schreibts! Ts. Ts. Ts. Ich weiß nicht, ob mir mein Poldi das verziehen hätte." (Anm.: Der Poldi entschlief friedlich mit 76 und hinterließ eine Ehefrau sowie zwei Geliebte.) Ein Zeichen.

Also schickt sich der Mann nebenan auf Sommerfrische ins Waldviertel. Das tut nach gemeinsamen Urlaubswochen gut. Vor allem können wir ausprobieren, wie es sich als Single leben würde. Ich frohlocke: Endlich bin ich die Herrin der TV-Fernbedienung! Endlich werde ich im Wohnzimmer meine Bauch-Beine-Po-Übungen machen, ohne belächelt zu werden! Endlich darf ich das Brot aus biodynamisch angebautem Dinkel kaufen, ohne dafür von Herzkönig entmündigt zu werden: Wer soll das denn essen, das schaut aus wie Karton und schmeckt nach Karton. Wieso isst du Karton? Und w o ist mein Toastbrot?

Komisch

Kaum ist Herzkönig entschwunden, beginnt der Freudentanz. "Ich gehör’ nur mir!" Aber dann. Dann ist plötzlich alles komisch. Komisch still. Komisch anders. Komisch leer. Jetzt kann ich mir selber auf die Nerven gehen. Mir selbst jene Geschichten erzählen, die er auch nicht hören möchte. Und mir selbst fleischlustlos beim Kohlrabiessen Guten Appetit wünschen. Große Themen tauchen auf, etwa: "Wie unemanzipiert ist eine Frau, die sich fragt, wer sich jetzt um die Entfernung von Spinnen kümmert?" Ich entscheide mich für eine gabriele.kuhn@kurier.at

Sie SMS Richtung Waldviertel: Ich kann mich alleine beschäftigen. Aber es ist schöner, wenn einer da ist, der einem dabei zuschaut. Bussi.

Er

Vor kleineren Solo-Ausflügen, die auch sein sollen, muss ich routinemäßig erst einmal den ehelichen Fragen-Katalog abarbeiten: "Aha. Wohin? Mit wem? Warum? Wann und wo bist du erreichbar?" Das fällt in einer Ehe in die Kategorie Anteilnahme, mit Misstrauen hat das natürlich nichts zu tun.

Sie ruft dann eh nie an. Es sei denn, es handelt sich um wichtige Nachrichten wie "Ich kann schon wieder die kleinen Glühbirnen nicht finden" oder "Ich treff’ mich heute mit der Gitti." Und klarerweise in Notfällen. Wenn also zum Beispiel eine ihrer Beschreibung nach 25 Zentimeter große Spinne mit locker 14 Beinen an der Schlafzimmer-Wand sitzt und bereit ist, eine blutige Attacke zu starten. Aber in solchen Situationen ist es selbstverständlich die Pflicht eines liebenden Ehemanns, via Telefon wertvolle Tipps (ruhig atmen, den Feind immer im Auge behalten, allenfalls 122 wählen) zu übermitteln.

Melancholie

Davon abgesehen kann ich das bisserl Einsamkeit sehr gut genießen. Gelegentlich rauszukommen aus dem Alltag, der sich gerne zwischen "Hast du schon ...?" und "Wann wirst du ...?" bewegt. Mir sind ja Paare, die verliebten Blickes stolz zu Protokoll geben, dass sie in 41 Ehejahren keinen Tag getrennt verbracht haben, immer schon suspekt gewesen.

Mir ist natürlich klar, dass Frauen speziell in den stillen Abendstunden zu Melancholie neigen, und dass daher die Liebste zu meiner Linken sicher das eine oder andere Tränchen zerdrückt, sobald sie ein herrenloses Sockerl entdeckt. Aber dafür ist die Wiedersehensfreude dann umso größer.

Vor allem bei mir. Denn so lustig und schön ich es mit mir auch haben kann, mit ihr ist es lustiger und schöner. Es gibt Augenblicke, in denen ich nicht mehr tue, als sie anzusehen. Und die sind auf Dauer unverzichtbar. Gut möglich, dass sich so eine Spinne auch nichts anderes denkt.