© Jeff Mangione

über die Szenen einer Redaktionsehe.
11/09/2014

Die Seifeprüfung

Neurosen. Wenn sich simples Händewaschen als permanente Belastungsprobe entpuppt.

von Gabriele Kuhn, Michael Hufnagl

Mit steinerner Miene hielt er einen pinken Seifen-Muffin in die Höh’ und sprach: Net dein Ernst jetzt.

Gabriele Kuhn | über die Szenen einer Redaktionsehe.

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Sie

Was unsere Beziehung derzeit dominiert, sind Seifen. Das kam so: Der Mann nebenan ist ein überdurchschnittlich engagierter Händewäscher. Viele Male pro Tag hechtet er Richtung Sanitäranlagen, um die Künstlerpratzerln einzuschäumen und trocken zu tupfen – seine Interpretation des Saubermann-Daseins. Böse Menschen würden dem Waschbären eine Zwangsneurose „light“ attestieren, ich habe aber gelernt, mit der Pritschelmanie zu leben. Dieser Tage ging unser reicher Seifen-Vorrat aus. Nervös fuchtelte er mit dem herum, was von der letzten Seife übrig geblieben war. Und ich wurde gleichzeitig darum gebeten, dringend an Seifennachschub gröberen Ausmaßes zu denken. Wie es das Schicksal so wollte, stand das Wochenende vor der Tür.

Im Seifen-Paradies

Beim samstagvormittäglichen Shopping-Bummel in dem von ihm viel zitierten, aber eher unbeliebten „Nur-einmal-Schauen“ und „Ui, das können wir sicher brauchen“-Modus fand ich mich plötzlich im Seifenparadies wieder. Und kam Stunden später mit einem großen Sack voll mit duftenden und bunten Seifen heim. Den hielt ich ihm unter die Nase – auf ein, zwei Bravi hoffend: „Schau, Schatz, deine Seifen – toll, gell?!“ Doch was kam? Ein Vorwurf. Und noch ein Vorwurf. Es war nämlich so, dass ich nicht irgendwelche Seifen gekauft hatte, sondern besondere. Honig-Marzipanseifen, Zimt-Mohn-Seifen, Kaffeeseifen und – gegen schmutzige Gedanken: Seifenmuffins. Wermutstropfen: Ich hatte vergessen, den Kassazettel verschwinden zu lassen. Mit steinerner Miene hielt er einen pinken Seifen-Muffin in die Höh’ und sprach: Net dein Ernst jetzt. Falls es dir noch nicht aufgefallen ist: Ich will das Zeug nicht essen, ich will mich einfach nur damit waschen.“ Sprach’s und ging stumm Schichtseife kaufen.

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Er

Ich habe gerne saubere Hände. Aber wenn diese Tatsache ernsthaft als Neurose diagnostiziert wird, denke ich mir: Wieso, bitte, kann es dann sein, dass überhaupt noch Menschen frei herumlaufen? Vor allem jene, die ein nachriechbar gestörtes Verhältnis zu Hygiene haben. Faktum ist, dass ich das Gefühl, eine Seife zu umfassen, sehr erlösend finde. Faktum ist aber auch, dass all jene Zweier- oder Viererpack-Seifen, die ich regelmäßig kaufe und einlagere, bei Bedarf mit hoher Wahrscheinlichkeit unauffindbar sind. Und zwar deshalb, weil meine Frau – und ich bringe hier ganz dezent wahres Zwangsverhalten ans Kolumnenlicht – seit jeher davon überzeugt ist, dass jede Form von Kleidung nur dann zur Entfaltung gelangen kann, wenn ihr in den Kästen, Truhen und Regalen ausreichend Seifen beigemengt werden. Es handelt sich dabei offenbar um eine bedeutende Familientradition, und schon die sehr weise Gaby-Urli soll angeblich auf die Weitergabe der alten Bauernregel bestanden haben: Hast Seife du beim Wäschestück / ist ewig hold dir Lebensglück. Oder so.

Prachtvoller Quader

Es gibt jedenfalls bei uns daheim stets aufs Neue den Kurz-Dialog. Ich: „Haben wir noch irgendwo Seife?“ Sie: „Sicher, irgendwo zwischen den T-Shirts.“ Ich: „Klar, wo sonst?“ Umso überraschter war ich, als die Herzdame kürzlich mit dem allerbreitesten Herzdamegrinsen vor mir stand. Und mir einen prachtvollen gelbbraunen Quader überreichte als wäre es der Oscar fürs Händereinigungslebenswerk. Dann sagte sie nur: „Das ist eine Himmelschlüsselblumenseife.“ Was sie nicht sagte, ist, dass es für diese offenbar einen fünfhundertprozentigen Himmelschlüsselblumenzuschlag gibt. Egal. Das steigert das Bewusstsein. Und jeder Waschgang ist seitdem ein ganz besonderes Sauberkunststück.

michael.hufnagl@kurier.at, Homepage: www.michael-hufnagl.com

Twitter:@MHufnagl

Paaradox im Rabenhof – neue Termine! 13. 1. und 19. 2. 2015, www.rabenhoftheater.com.

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