Meinung | Kolumnen | Paaradox
15.05.2017

Bitte nicht stören!

Konzentration. Wenn sie und er in andere Welten abtauchen, ist Annäherung tückisch.

Halt mich bitte nicht für völlig deppert

Gabriele Kuhn | über die Szenen einer Redaktionsehe.

Sie

Tschuldigung! Tschuldigung, dass ich existiere. Oft habe ich überlegt, mir ein T-Shirt zu machen, auf das ich diesen Satz male. Ich würde es dann an jenen Tagen tragen, an denen der Mann nebenan mit allen Fasern seines Seins signalisiert, dass er nicht gestört werden möchte.

Unterbrechungen

Der Hobbyphilosoph hat schließlich Besseres zu tun. Seine Mimik wirkt dann so, als würde er sich im Geiste ein Traktat zum Descart’schen Zitat Alles, was lediglich wahrscheinlich ist, ist wahrscheinlich falsch diktieren – während er parallel alle Sportkanäle der Welt durchzappt und am Smartphone Racing Pinguin spielt. In solchen Momenten sollte man dem Genius nur stumm handgeschöpfte Torten und Massagen angedeihen lassen. Vermutlich wäre aber selbst das nur eine unangemessene Unterbrechung aus meinem Reich des Banalen. Dennoch passiert’s immer wieder, dass ich was frage, etwa: Hast Lust, mit mir auf den Bauernmarkt zu gehen, dort gibt’s den guten Schafkäse? Ui! An seinem Gesicht wird sofort erkennbar, dass ihn seine Femme banale gerade irgendwo "herausgerissen" hat. Zumindest tut er so – und zieht seine Show ab. Er schreckt auf, seufzt und spricht: Äh, was hast du gerade gesagt? In der Hoffnung, mir würde nun bewusst, dass ich mit meiner Frage den Bau eines neuen Weltenplans verhindert hätte oder die Entwicklung einer Strategie zur Rettung der gefährdeten Armleuchteralge. Dann fange ich erneut über meine T-Shirt-Idee nachzudenken an. Eine weitere Spruch hätte ich schon: Man wird am ehesten betrogen, wenn man sich für klüger als die anderen hält (ebenso Descartes). Auf gut Wienerisch: Halt mich bitte nicht für völlig deppert.

Nächste Paaradox-Auftritte: 2. 7. Sommerzaubern in Leobersdorf, 23. 7. Wien (Summerstage), 17. 8. Linz (Rosengarten)

Twitter: @GabrieleKuhn

facebook.com/GabrieleKuhn60

Er

Erst unlängst rief ich die Liebste am Nachmittag im Büro an, um sie zu informieren, dass ich soeben ein Arbeitsessen absolviert hätte und daher am Abend keinen Nahrungsbedarf mehr haben würde. Das nahm sie gestresst zur Kenntnis, nachdem sie als Autorin wieder einmal den legendären KURIER-Sitzungsmarathon mit kenianischer Ausdauer hinter sich gebracht hatte. Und da sie gut hörbar kurz angebunden war, bot ich ihr an, nur für ihr Dinner auf Beutezug in den Supermarkt auszurücken – sie möge also diesbezügliche Wünsche äußern. Gnä Kuhn hatte jedoch für einen Gedanken an das eigene After-work-Häppchen "absolut keinen Kopf" und sagte nur: "Egal, kauf’ irgendwas." Abgesehen davon, dass ein Einkaufszettel, auf dem "Irgendwas" steht, einen Regalstreuner wie mich in eine enorme Spannung versetzt, soll die Story nur beweisen: Wer sich im Geiste gerade in einer Parallelwelt befindet, tut sich mit der Aufmerksamkeit für plötzliche Eindringlinge Marke "Glaubst du, hat die Blumen-Rosi am Samstag länger als bis 12 Uhr offen?" mitunter ein bisserl schwer.

Gesprächskultur

In unserem Fall kommt noch hinzu, dass meine Frau ab jener Sekunde, in der sie auf Freizeit-Modus umschaltet, die feste Überzeugung lebt, die gesamte Weltbevölkerung müsste es ihr augenblicklich gleich tun. Und so tänzelt sie munter plaudernd umher und ist irritiert, wenn ich auf Beiläufigkeiten wie "Schon irre, wie schnell so ein Handy-Akku leer ist" nicht sofort mit fröhlich-fundierten Beiträgen über Kain & Kabel reagiere, sondern nur mit einem "Eh". Also mit jenem Wort, das nicht nur zufällig zwei Drittel einer "Ehe" ausmacht.

Solo-Programm „Abend mit einem Mannsbild“, nächste Termine: 18. 5., 23. 6. Wien (Studio Akzent), 19. 5., 20. 5. Klosterneuburg

michael.hufnagl@ kurier.at

Twitter: @MHufnagl

www.michael-hufnagl.com