© Jeff Mangione

ĂĽber die Szenen einer Redaktionsehe.
09/14/2014

Alltag am Telefon

Und sonst? Nach vielen gemeinsamen Jahren wird nicht jeder Dialog zum Informationssturm.

von Gabriele Kuhn, Michael Hufnagl

Frechheit. Wo ich doch immer so sanft mit ihm bin.

Gabriele Kuhn | ĂĽber die Szenen einer Redaktionsehe.

Sie

Das finde ich spannend: Hurrikans mit weiblichen Namen fordern mehr Tote als ihre männlichen Pendants. Zu diesem Ergebnis kommen US-Forscher – die Erklärung: Menschen schätzen stürmische Naturereignisse, die etwa Brigitte, Jaqueline oder Ingrid heißen, als weniger gefährlich ein und treffen daher auch seltener Vorsichtsmaßnahmen. „Siehst, wir werden permanent unterschätzt“, las ich diese Erkenntnis dem Mann nebenan vor. Der dazu nur sagte: Ich kann ein Naturereignis namens Gabriele richtig einschätzen. Ich sage nur: Deckung.

Huhu, ich bin’s

Frechheit. Wo ich doch immer so sanft mit ihm bin. Speziell am Spätnachmittag, wenn die innere Liebesmatrix zum „Hallo, wie geht’s-Ritual“ ruft. Dann greife ich zum Handy, tippe auf die Nummer namens „Schatzibär“ und hauche: „Huhu, ich bin’s. Wie geht’s so?“. Worauf sich meist folgender Dialog entspinnt – Er: Jo, eh so. Ich: „Was heißt jo eh?“ Er: Naja, dasselbe wie gestern, vorgestern und die vergangenen zehn Jahre. Eh gut. Ich: „Was haben wir gelacht! Und sonst?“ Er: Sonst – was? Ich: „Na, gibt’s was Neues?“ Er: Was soll es Neues geben, wir haben doch erst vor einer Stunde telefoniert. Und da habe ich schon gesagt, dass es nichts Neues gibt. Ich: „Aber in der Zwischenzeit könnte sich theoretisch doch etwas getan haben.“ Er: Theoretisch kann sich immer was getan haben, hat es aber nicht. Ich: „Hm. Und was essen wir heute?“ Er: Keine Ahnung. Worauf hast Lust? Ich: „Keine Ahnung. Und du?“ Er: Mir wurscht. Ich: „Warum bist du so pampig?“ Er: Bin ich nicht. Ich: „Aber du klingst so.“ Er: Geh bitte. – So geht das, bis Gaby zu Gabriele wird. Ich sage nur: Codewort Hurrikan.

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Er

Als wir einst entdeckt haben, dass man einander via WhatsApp allerlei Symbolbildchen als Ersatz für zusammenhängende Sätze schicken kann, haben wir das exzessiv ausgereizt. Aber nach einigen kindischen Tagen waren sämtliche Effekte abgearbeitet, und wir kehrten zu unserer Dialogroutine zurück. Jetzt ist es freilich so, dass es nach vielen gemeinsamen Jahren sein kann, dass sich nicht zwingend jeder Tag zu einem Feuerwerk neuer Erlebnisse, Gefühle und Gedanken entwickelt. Für meine Frau ist dieser Umstand jedoch völlig inakzeptabel. Wie auch die Kenntnis darüber, dass ich grundsätzlich kein besonders leidenschaftlicher Telefonierer bin.

Anruf, Anruf, ...

Ihr wurscht. So wie die Tatsache, dass ich daheim mein Büro habe und daher meistens im Zustand sozialer Isolation lebe. Mein spannender Tag sieht daher ungefähr so aus: Ich lese. Ich esse. Ich schreibe. Ich gehe mit dem Hund. Manchmal bringe ich natürlich ein bisschen Abwechslung hinein und lege den Tag anders an. Etwa so: Ich gehe mit dem Hund. Dann schreibe ich etwas. Danach lese ich. Und erst zum Schluss esse ich, mitunter sogar in familiärem Beisein. Wenn mich also meine Frau am Vormittag zum ersten Mal anruft, erzähle ich ihr, dass ich gerade gelesen habe (bzw. mit dem Hund Gassi war). Beim zweiten und dritten Anruf gehe ich dann schon mehr ins Detail und führe näher aus, welchen Artikel ich gelesen habe bzw. an welcher Ecke der Hund sein Lackerl gemacht hat. Das hört sie sich genau an, um am Ende immer (!!) zu fragen: „Und sonst?“ Da es Anrufe aber an sich haben, Menschen aus ihren Gedankenwelten zu reißen, reagiere ich gelegentlich ein wenig gereizt: „Na nix sonst!“ Dann fällt ihr spontan „Entschuldigung, dass ich mich für dich interessiere“ ein, und wir sind beide beleidigt. So, Kolumne fertig. Jetzt geh’ ich mit dem Hund ...

Twitter:@MHufnagl

Übrigens: Wir haben die „Szenen einer Redaktionsehe“ für die Bühne neu arrangiert. Zu sehen ist die Inszenierung am 9. 10. und 10. 11. im Wiener Rabenhof, www.rabenhoftheater.com.

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