Romantisch. Oder?

© Boroviczeny

über die Szenen einer Redaktionsehe.
07/21/2013

Kompliment für den „Principe“

Ehe heißt auch: Die vielen (Satz-)Zeichen der Zeit zu erkennen.

von Gabriele Kuhn, Michael Hufnagl

Meine Frau mag solche Ausflüge in das Reich von Sprache und Fantasie.

Gabriele Kuhn | über die Szenen einer Redaktionsehe.

Sie

Vor einigen Tagen landete ein rosafarbenes Buch auf meinem Schreibtisch. Es hat den vielversprechenden Namen „Let’s speak Love – die wichtigsten Sätze der Liebe in fünf Sprachen“. Gut so, es wird nicht schaden, dem Mann nebenan in einer Fremdsprache einmal Nettes zu sagen. Ich schlage also nach, habe aber schon bei Kapitel 1 Pech. Mit „Ci conosciamo?“ (Kennen wir uns?) würde ich mich eher lächerlich machen, außer wir stünden auf Rollenspiele. Kapitel 2 „In der Bar, im Club, auf dem Ball“ überblättere ich, denn wir sind so gut wie nie in einer Bar, im Club oder auf einem Ball. Kapitel 3 scheint richtig: „Erklärungen, Komplimente, Versprechungen“. Wobei ich mir bei dem Satz „Let’s give up everything and go far away together“ (Komm, lass uns alles hinschmeißen und weit weg gehen) nicht sicher bin, ob das nicht eher etwas für Selbstgespräche ist. Ich probiere es also mit einem „Eres lo mejor que me ha pasado nunca“ (Du bist das Beste, das mir je passiert ist) und füge aus dem Kapitel „Kosenamen“ ein „Principe“ (Prinz) hinzu. Dazu: Rotwein.

Bescheuert

Das hätte ich mir total sparen können. „Principe“ von nebenan schaut mich an, als hätte ich mich in Mr. Spock verwandelt, dann spricht er: Also ehrlich, wenn du was brauchst oder von mir haben willst, sag’s gefälligst grad heraus, glaubst, ich merk den Schmäh nicht?! Das schreit nach Rache und Kapitel 10, „La vie en couple“ (Das Leben zu zweit). Statt Komplimenten, die er mir nicht abnimmt, also: „Descends la poubelle“ (Bring den Müll runter), „Don’t forget to buy some bread“ (Vergiss nicht, Brot mitzubringen), „Tu m’enerves“ (Du gehst mir auf die Nerven). Oder aber ich pendle mich auf einen Grund-Satz aus Kapitel 13, „Vorwürfe, Streit“, ein – das schneidige „Du bist total bescheuert“ in unserer Muttersprache. Herrlich! Es geht eigentlich nichts über totale Authentizität in der Ehe.

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Twitter: @GabrieleKuhn

Er

„Let’s speak Love“ also. Meine Frau mag solche Ausflüge in das Reich von Sprache und Fantasie. Und bat mich daher, mir doch auch einige dieser Stehsätze aus dem Büchlein zu picken. Gerne. Es ist zum Beispiel sehr interessant, dass schon zum Auftakt (Kennenlernen) „ Por favor, dime, si te estoy molestando“ steht. Man möchte doch meinen, dass „Sagen Sie mir bitte, wenn ich Sie nerve“ eher ein Fall für das letzte Kapitel ist.

In weiterer Folge musste ich bei der Lektüre einige Male herzlich lachen. Denn allein die Vorstellung, ich könnte im Zuge eines Näherkommens ernsthaft sagen „On danse?“ (Wollen wir tanzen?), „Rilassati pure, è un valzer“ (Lass dich gehen, das ist ein Walzer) oder „You are a great dancer“ (Du bist eine großartige Tänzerin), ist von grandioser Absurdität. Unser einziges Tanzabenteuer war ein Swing-Kurs für eine Reportage, und der endete im Desaster. Da kommen „Hands off!“ (Hände weg!), „Deja mi cremallera en paz“ (Lassen Sie meinen Reißverschluss in Ruhe) oder auch „Dove andiamo? A casa mia, a casa tua o in albergo“ (Wo gehen wir hin? Zu mir, zu dir, oder ins Hotel?) der Wahrheit näher.

Zeitlos

Aber mittlerweile sind wir natürlich schon ein bisserl über das Alter von „Attends, il faut que je me refasse une beauté“ (Warte, ich habe mich nicht zurechtgemacht) hinaus, während „Es realmente necesario que tus amigos vengan a ver fútbol?“ (Müssen denn deine Freunde zum Fußballschauen kommen?) und „Do you think I’m too fat?“ (Findest du mich zu dick?) von zeitloser Brisanz zu sein scheinen.

Aber ich würde dieses „La vida juntos“ (Leben zu zweit) dennoch wieder genau so wählen. Trotz „Non lasciare le tue cose sparse dappertutto“ (Lass deine Sachen nicht überall herumliegen). Weil diese Frau „merveilleuse, marvigliosa, wonderful, maravillosa“ und wunderbar zugleich ist.

Twitter: @MHufnagl

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