Romantisch. Oder?

© Boroviczeny

über die Szenen einer Redaktionsehe.
11/17/2013

Echt fett

Ja, es war der Schweinsbraten. Und nein, Liebe geht nicht durch den Magen.

von Gabriele Kuhn, Michael Hufnagl

Da saß er nun, in der Notaufnahme des AKH und tat sich unendlich leid.

Gabriele Kuhn | über die Szenen einer Redaktionsehe.

Sie

Dies, bitteschön, ist Teil 2 des Ehedramas „Das große Überfressen“. Für Nicht-Leser eine kleine Replik: Es ging vergangene Woche abermals um das in unserer Beziehung so beliebte Genre „Genießen, aber richtig“. Der Mann nebenan hält es bekanntlich eher mit Brecht: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“. Ich hingegen habe mein geistiges Petting mit Aristoteles: „Wir sollten das Leben verlassen wie ein Bankett: weder durstig noch betrunken.“ Ich neige ungeniert zum faden, aber äußerst zuträglichen Mittelmaß.

Freund tierischen Fetts Da saß er nun, in der Notaufnahme des AKH und tat sich unendlich leid. Ich hingegen hatte eine veritable Panikattacke, denn zu diesem Zeitpunkt wusste ich ja noch nicht, was sich in seinem Magen stapelte: Der erste Knödel, Saft, ein erstes Stück Schweinsbraten, der zweite Knödel, das zweite und dritte Stück Schwein (das und ein dreieinhalbtes hatte er heimlich verdrückt, ebenso wie den Käse, der – wie er sagte – den Magen schließt). Hätte ich’s geahnt, ich wäre um 2.20 morgens, dem Zeitpunkt seines ersten Weh-Lauts, ruhig geblieben. Hätte lächelnd weitergeschlafen. Aber so. So hielt ich alle auf Trab, weil ich dachte, der Mann würde verenden. Umso blöder schaute ich, als der Arzt während des Ultraschalls grinste, um den Freund tierischen Fetts zu fragen, was er gegessen hätte. Mich packte kalte Wut: Wie deppert kann ein Vierzigjähriger sein? Schließlich wurde er – eine Infusion im Arm – zu den anderen „Opfern“ dieser Nacht gelegt. Zwei Betrunkenen sowie jemandem, der ebenfalls von irgendwas zu viel erwischt hatte, und gerade wieder loswurde. Ich zog es vor, ihn in dieser Idylle zurückzulassen. Nicht ohne seiner Gallenblase einen finalen Stich zu versetzen: „Frühstück steht im Eiskasten – ein Vierterl Bratlfett, aber ex, gell?“ Noch am Gang vernahm ich sein Stöhnen und fühlte mich gut.

Twitter: @GabrieleKuhn

Er

Es war dieses „Nie wieder!“ Und zwar genau jenes, das den meisten von uns am Morgen nach einer ach so fröhlichen Nacht mit dem berühmten Achterl zu viel im Stechschritt durch den dröhnenden Kopf marschiert. Mit dem kleinen Unterschied, dass sich dieses böse „Nie wieder“ in der Magengegend abspielte. Und ich im Bewusstsein des Schmerzes nicht wusste, ob Strecken oder eher Krümmen mein Leid zu lindern vermochte.

Hinzu kam das Gesicht meiner Chauffeurin, in dem ich diese sonderbare Mischung aus Sorge (auch sie hat einst alle vier „Alien“-Teile mit Sigourney Weaver gesehen) und Ärger zu erkennen glaubte. Denn immerhin war es mitten in der Nacht. Und statt sich gut eingebettet in einer Traumwelt zu verlieren, musste sie eine triste Realität sehen und riechen.

Volltreffer Wenigstens wurde ich ruckzuck mit einer klaren Diagnose konfrontiert (dankenswerterweise übernahm die ein Arzt und nicht meine Frau). Die Untersuchung hatte nämlich nur zwei Sekunden gedauert. Dabei hatte der Onkel Doktor seinen Daumen genommen, auf irgendeinen Punkt zwischen Bauch und Brust gedrückt und wissend gelächelt, als ich brüllend gen Zimmerdecke fuhr. Volltreffer. Der Schweinsbraten war’s. Und kein Wesen aus einer anderen Galaxie.

Und schon lag ich da – als armer Tropf am Tropf. Dabei erwartete ich, dass sich die Frau des verwundeten Helden an mein Bett setzt, Schweiß abtupft, Händchen hält und tröstende Worte findet. So ein Genesungsprozess hat ja auch psychische Aspekte. Aber was tat die Frau? Sie zwinkerte, verabschiedete sich und ging. Weil: müde. Und: „Das dauert jetzt eine Stunde, dann ist es wieder gut, und dabei zuzuschauen ist nicht so spannend.“ Bald darauf trat ich meinen Heimweg an. Zu Fuß im Morgengrauen. Und ich verzieh mir selbst: Du, das mit dem „Nie wieder“ war nicht so gemeint.

Twitter: @MHufnagl

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