Meinung | Kolumnen | Paaradox
09.03.2014

Die Mühen mit dem "Damals"

Sie entdeckt seine alten Lieben, und er hört ihre alten G’schichten.

Ich weiß nach so vielen Ehejahren nicht genau, wovor ich mich mehr fürchte.

Gabriele Kuhn | über die Szenen einer Redaktionsehe.

Sie

Wenn oben die Rede vom berühmtesten "Selfie" der Welt ist, dann fällt mir etwas dazu ein: die Kindheits- und Jugendfotos des Mannes nebenan. Von denen gibt es Hunderte: Klein-Michi als Fliegenpilz im Fasching, Groß-Michi mit Haaren auf dem Kopf, Mittel-Michi als Mittelstürmer, Pubertäts-Michi mit Firmanzug. Ja okay, diese Zeitzeugen sieht man sich als frisch verliebte Partnerin gerne einmal an, sagt "jö, lustig", um sie dann rasch wieder zu archivieren. Zumal es doch so schön heißt: Lebe im Jetzt.

Susi, das Volksschulluder

Aber leider: Es gibt noch mehr solcher Erinnerungsstücke. Etwa eine Reisetasche mit Fotos und Liebesbriefen diverser Ex-Damen. Ich stolpere über sie, wenn ich Gartenwerkzeug aus dem Keller hole. Die Konfrontation mit dem Vorleben des Liebsten beginnt also meist im Frühling, wenn die ersten Blümchen aus der Erde stechen. Interessante Symbolik. Während Sie also diese Zeilen lesen, könnte es sein, dass ich über die Ansichtskarten einer kleinen Französin stolpere, mit der er mit 14 gerne Petting gehabt hätte. Gleichzeitig flattert ein Bild von Susi, dem Volksschulluder, herum – samt Widmung: Busi für Miechi. Das mag zwei Mal lustig sein, aber irgendwann steht folgender Gedanke im Raum: Warum sind Gitti, Susi & Steffi immer noch nicht zu Häuslpapier recycelt?

Genau das werde ich ihn auch heuer wieder fragen. Und ich vermute, dass ich wieder folgende Antwort bekomme: a.) Was geht dich das an? b.) Das kann dir doch wurscht sein. Mag sein, dass er recht hat, doch gleichzeitig brodelt in mir die Frage auf, weshalb ein 43-Jähriger so sehr an Altware klebt. Vielleicht liegt ja der Schlüssel der Erkenntnis in einem von gewohnter Selbstüberhöhung geformten Kalauer, den er gerne im erweiterten Freundeskreis zum Besten gibt: Wenn ich alle meine Ex einladen würde, bräuchte ich die Stadthalle.

Twitter: @GabrieleKuhn

Er

Ich empfinde ausnahmsweise gleich wie meine Frau. Nur gehe ich die Sache – wie gewohnt – reflektierter an. Heißt: Auch ihr intensives Leben vor dem Eintreffen des Märchenprinzen (= ich) poppt selbstverständlich in jeder Lebenslage immer wieder auf. Klar, wir alle erfahren diese Impulse, die uns zu einer Begegnung mit der Vergangenheit verführen. Und wir alle haben in gewisser Weise den Drang, diese Erinnerungen zu konservieren ... und zu kommunizieren. Das Problem ist: Wir gehen von der Annahme aus, die gesellige Aufarbeitung des eigenen Lebens würde auch von anderen (mehr oder weniger freiwillig) zuhörenden Menschen als extrem spannend oder besonders lustig empfunden. Nur: Wer die Geschichte, wie der Poldi-Onkel damals blablabla zum x-ten Mal hören muss und die Pointen schon im exakten Wortlaut mitsprechen kann, hat nur eines im Kopf – laaaaaangweilig!

Es war einmal

Warum sollte meine Frau diesbezüglich eine Ausnahme sein. Ich weiß nach so vielen Ehejahren nur nicht genau, wovor ich mich mehr fürchte. Vor der Erzählung ... von der lieben Milchfrau, die es damals in der Rückertgasse in Wien Ottakring gegeben hat (81-mal gehört) ... von der armen, kleinen Gaby, der die wütende Mama einst einmal die Jeans zerschnitten hat (93-mal), ... oder doch vom Kurti, der ihr im Gänsehäufel nur deshalb an die Wäsche durfte, weil er ein Moped besaß (104-mal). Was ich aber schon weiß: Wenn uns die beste Freundin ("Wir kennen uns, seit wir Babys sind") besucht, flüchte ich. Denn wenn die beiden ihr "Damals"-Schatzkisterl öffnen und einander stundenlang jene Anekdoten erzählen, die sie einander schon beim letzten Treffen stundenlang erzählt haben, und auch beim vorletzten Treffen, dann ziehe ich mich zurück, setze Kopfhörer auf und höre Zukunftsmusik.

Twitter: @MHufnagl