Meinung | Kolumnen | Ohrwaschl
12.12.2017

Direkte Netflixokratie

Jeder kriegt das, von dem man glaubt, dass er es mag, und gefragt wird niemand mehr.

Guido Tartarotti | über Netflix und Handlungen nach Wunsch.

Der Abo-Fernseh-Anbieter Netflix erwägt, seine Seher über den Handlungsverlauf von Serien und Filmen entscheiden zu lassen (direkte Demokratie ist ja derzeit sehr in Mode). Da gibt es dann vielleicht von „Titanic“ eine Version, in der Jack überlebt, weil er Rose von der Holzplanke schubst. Oder eine, in der es Rettungsboote für alle gibt. Oder eine, in der der Eisberg auf den Termin vergisst, das Schiff um Tage verfehlt, weswegen die „Titanic“ New York sicher erreicht. Jack und Rose können dann heiraten und ein Fachgeschäft für Gartenartikel in Des Moines, Iowa, eröffnen, dafür geht aber die Welt unter, weil ihr Sohn Kampfpilot wird und versehentlich den Dritten Weltkrieg auslöst.

Eine andere Möglichkeit, die Netflix erwägt, geht so: Jeder Seher bekommt gleich, ohne gefragt zu werden, ein auf seine Vorlieben (die sind dank „ Big Data“ ja bekannt) zugeschnittenes Ende serviert.

Vielleicht wird das ja auch irgendwann einmal die Politik so machen: Jeder kriegt das, von dem man glaubt, dass er es mag, und gefragt wird niemand mehr.

Guido Tartarottis Kabarettprogramm "Selbstbetrug für Fortgeschrittene" ist am 9. Jänner 2018 im Orpheum Wien zu sehen, am 13. Jänner in der Kulturwerkstatt Kottingbrunn, am 31. Jänner im Theater am Alsergrund und am 21. Februar im Kabarett Niedermair.